Foto des Monats: »Bud­dy«, Broad­me­a­dows Body and Soul

Alles bewegt sich fort
und nichts bleibt.
– Hera­klit

Wenn man die Tür der Dusch­ka­bi­ne schließt, ist man allein – einer der weni­gen Momen­te im Lau­fe eines Tages, von denen man behaup­ten kann, dass sie nie­mand ande­rem, und nur einem selbst gehö­ren. Man dreht die Brau­se auf, lässt das lau­war­me Was­ser über den Kopf strö­men – und alles, was sonst auf die­sen Kopf ein­strömt, hat für einen Moment kein Gewicht, kei­ne Bedeu­tung, ist nicht von Belang. Man dreht den Kopf und fühlt den Was­ser­strahl plötz­lich mit­ten im Gesicht, taucht ab, muss ein­mal nicht erreich­bar sein, nicht zuhö­ren, nichts tun. Das vor der Dusch­ka­bi­ne die Arbeit, die Hun­de, die Ver­pflich­tun­gen war­ten zählt für weni­ge Minu­ten nicht – und für weni­ge Minu­ten schwimmt man sich frei vom Gefühl, nie alles tun, nie alles erle­di­gen zu kön­nen, was man sich selbst auf die Agen­da geschrie­ben hat.

Die Agen­da eines Züch­ters ist immer voll. Immer gibt es jeman­den, der mit Fra­gen auf einen war­tet, der Auf­merk­sam­keit will, dem man sagen soll, dass er alles gut, bes­ser noch, alles rich­tig macht, und im bes­ten Fall schafft man es, an zwan­zig Orten gleich­zei­tig Auf­merk­sam­keit zu ver­tei­len, damit nie­mand zu kurz kommt, sich nie­mand benach­tei­ligt fühlt.

Nicht der Part­ner, den man am Früh­stücks­tisch war­ten lässt, weil man noch zwei Mails beant­wor­ten und drei Bil­der liken, man noch schnell den Stamm­baum die­ses einen Rüden nach­schla­gen muss, nicht die Kol­le­gen, die man ver­trös­tet, weil die eine Hün­din gedeckt, die ande­re zum Tier­arzt gefah­ren wer­den will, nicht die aktu­el­len Wel­pen­käu­fer, nicht die aus dem letz­ten, dem vor­letz­ten Wurf, weil sich dar­un­ter sonst Stim­men mel­den, man bevor­zu­ge den jeweils ande­ren, habe nie genug Zeit, um die Mails vom Mon­tag, Diens­tag und Mitt­woch zu beant­wor­ten, und das schö­ne Bild auf Face­book habe man auch noch nicht geteilt.

Als Züch­ter, das muss man sagen, gehört man ein Stück weit wohl jedem – und am wenigs­ten viel­leicht sich selbst. Außer, wie gesagt, unter der Dusche. Denn nas­se Fähn­chen flat­tern nicht, sie hän­gen bloß im Wind.

© Johannes Willwacher