03|03|2016 – Der klei­ne Prinz und der Fuchs

Du bist zeit­le­bens für das ver­ant­wort­lich,
was du dir ver­traut gemacht hast.
– »Der klei­ne Prinz«, Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry (1943)

Stell dir vor, du bist ein Fuchs. Stell dir vor, du lebst in einer Höh­le, die du mit dei­nen eige­nen vier Pfo­ten gegra­ben hast, einer Höh­le tief in der Erde, zwi­schen den Wur­zeln eines drei­hun­dert Jah­re alten Apfel­baums viel­leicht, und dass du jeden Tag sie­ben Mäu­se fängst, an guten Tagen viel­leicht auch mehr. Stell dir vor, dass du ein glück­li­cher Fuchs bist – im Früh­jahr den Bie­nen nach­blickst, die von Blü­te zu Blü­te flie­gen, die Nase in den Wind hältst, dir Geschich­ten zuflüs­tern lässt, die von fet­ten Hasen irgend­wo dort drau­ßen, irgend­wo auf dem Feld erzäh­len, im Som­mer den Schat­ten genießt, den dir der Apfel­baum spen­det, zusiehst, wie im Herbst die Blät­ter fal­len, und im Win­ter schließ­lich zufrie­den in dei­ner Höh­le liegst, die weit unter dem Schnee noch immer warm und gemüt­lich ist. Stell dir vor, frei zu sein – und dann eines Tages nicht mehr.

Stell dir vor, eines Tages einen Jun­gen zu erbli­cken – einen blon­den Jun­gen von gera­de ein­mal acht Jah­ren –, und dass du beschließt, alles auf­zu­ge­ben, was bis­her nur dir allei­ne gehört hat – den Wind, die Hasen und die Bie­nen –, dass du nichts lie­ber tun möch­test, als zu die­sem Jun­gen zu gehö­ren, dei­ne Frei­heit gegen Ver­traut­heit ein­zu­tau­schen, und ihn zäh­men zu las­sen, was noch wild an dir ist. Stell dir vor, dass von die­sem Tag an nichts mehr schön, nichts mehr gut ist, wenn er nicht da, nicht für dich da ist, und dass selbst die Son­ne nur noch auf­zu­ge­hen scheint, damit du in sei­nem Schat­ten lau­fen kannst. Stell dir vor, wie glück­lich du wärst – und nun stell dir vor, gar kein Fuchs, viel­mehr ein Hund zu sein. Ein jun­ger Hund von vier Wochen, viel­leicht.

Die Ent­schei­dung, die der Fuchs im Klei­nen Prin­zen aus frei­en Stü­cken trifft – näm­lich, sich zäh­men zu las­sen –, haben wir für unse­re Hun­de selbst getrof­fen, und im bes­ten Fall haben wir dabei ver­ant­wort­lich ent­schie­den – haben ver­stan­den, dass, wäh­rend der Hund für uns oft nur ein Hund ist, wir für ihn die gan­ze Welt bedeu­ten, sein Glück in unse­ren Hän­den liegt. Viel­leicht ist des­halb auch die Ent­schei­dung, wel­chem Men­schen man wel­chen Wel­pen anver­traut, die schwers­te, die man als Züch­ter zu tref­fen hat – Ver­ant­wor­tung gelingt nicht im Vor­über­ge­hen, will mehr, als nur Gewin­ne ein­zu­strei­chen, muss zuhö­ren, was der Wel­pe braucht und wel­ches Zuhau­se ihm das geben kann. Wel­cher Mensch kann für ihn Wind, Hasen und Bie­nen sein, wel­cher Mensch lässt Apfel­bäu­me für ihn wach­sen?

Für unse­re vier Wel­pen steht genau die­se Ent­schei­dung nun an.

© Johannes Willwacher