Mama Nell und ihre vierbeinigen Kinder
Mama Nell und ihre vier­bei­ni­gen Kin­der

Märchen sind nur etwas für Kinder. Ist das so? Über Wahrheit, Worte – und fünf Welpen, die kurz davor stehen, in die Welt jenseits der Hecke hinauszuziehen.

Für mei­ne Mama

Es waren ein­mal fünf Kin­der, die wuch­sen in einem Gar­ten auf, in dem immer Früh­ling herrsch­te. Wäh­rend der Win­ter rings um die manns­ho­hen Hecken das Land mit Eises­käl­te über­zog, blüh­ten dar­in jahr­ein, jahr­aus die aller­schöns­ten Blu­men und gab es nichts und nie­man­den, der den Fün­fen etwas Schlech­tes woll­te. Als die Kin­der aber her­an­ge­wach­sen waren und der schö­ne Gar­ten ihrer Neu­gier kaum noch Raum zu geben ver­moch­te, rief die Mut­ter sie her­an, und gab jedem der Kin­der – bevor es sein Bün­del schnü­ren und in die Welt jen­seits der Hecke hin­aus­zie­hen wür­de – Fol­gen­des mit auf den Weg: »Begeg­ne jedem, der dei­nen Weg kreuzt so, wie du dir wünschst, das man dir selbst begeg­net. For­de­re von nie­man­dem, was du nicht selbst zu geben bereit bist. Ver­ste­he, bevor du urteilst. Füh­le, bevor du ver­letzt. Und bevor du sprichst, den­ke«. Dar­auf ergriff das jüngs­te der fünf Kin­der das Wort und frag­te, ob es in der Welt, die sich hin­ter der Hecke befand, denn so anders zuge­he als in dem schö­nen Gar­ten. »Auf jedes freund­li­che Gesicht«, erwi­der­te die Mut­ter, »fol­gen dort drau­ßen tau­send Fein­de«, und indem sie dem Kind die Hand an die Wan­ge leg­te, fuhr sie fort, dass selbst man­ches Gesicht, das freund­lich schien, sich – wenn man es nur lan­ge und gründ­lich genug betrach­te­te – als das eines Wolfs oder Wege­la­ge­rers ent­pupp­te. »Dann wol­len wir doch lie­ber bei dir blei­ben«, rie­fen alle Fünf wie aus einem Mund, »dann ist uns der Gar­ten doch das aller­bes­te Zuhau­se«. Die Mut­ter wand­te sich ab, pflück­te eine duf­ten­de Blü­te von einem der hohen Bäu­me und steck­te sie dem Ältes­ten mit einem Lächeln an die Wes­te. »Der Gar­ten, mit allem was dar­in wächst, wird immer euer Zuhau­se blei­ben. Und so lan­ge ihr euch erin­nert, dass ihr ein Zuhau­se habt und eine Mut­ter, die euch liebt, wird euch – ganz gleich wie viel Zeit ver­streicht, wie vie­le Jah­re ins Land gehen – nie­mand dort drau­ßen etwas anha­ben kön­nen.«

© Johannes Willwacher