22|05|2019 – Ellie am 67. Trächtigkeitstag
22|05|2019 – Ellie am 67. Träch­tig­keits­tag

Ellie wäre nicht Ellie, wenn bei ihr irgendetwas normal verlaufen würde – über eine Border Collie Hündin mit Hang zum Drama und die letzten Stunden vor der Geburt. Vielleicht.

Was tut man, wenn sich nichts tut? Wie lan­ge gibt man der Hün­din Zeit? Sitzt man es aus und beschränkt sich dar­auf, das zu kon­trol­lie­ren, was kon­trol­liert wer­den muss? Die Tem­pe­ra­tur, der Aus­fluss, die Vital­zei­chen, der All­ge­mein­zu­stand? Oder ver­fällt man in Panik, weil sich auch am 67. Tag der Träch­tig­keit nichts – nein, bes­ser –, viel zu wenig tut? Weil sich die Hoff­nung, es möge sich doch nun end­lich etwas tun, ein ums ande­re Mal zer­schlägt – und man mit jeder Stun­de, die ver­streicht, mit mehr Kom­pli­ka­tio­nen, mehr Gefah­ren für das unge­bo­re­ne Leben, für die Hün­din selbst rech­nen muss?

Auch heu­te mor­gen hat sich wenig getan – mit 37,4 Grad ist der Wert zwar um sie­ben Uhr auf einen vor­läu­fi­gen Tiefst­stand gesun­ken, aus­sa­ge­kräf­tig ist das aber noch nicht: gering­fü­gi­ge Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen kom­men vor, müs­sen kein Anzei­chen für eine bevor­ste­hen­de Geburt sein. Ich ver­su­che mei­nen Frust her­un­ter­zu­schlu­cken, packe das Ther­mo­me­ter ach­sel­zu­ckend weg und rüh­re statt­des­sen Quark, Ei, Zie­gen­milch und Tro­cken­fut­ter zu einem dick­flüs­si­gen Brei zusam­men, den Ellie zwar sehr lang­sam, aber doch mit gro­ßem Appe­tit ver­schlingt. Rein äußer­lich scheint es, als wür­de es nicht mehr lan­ge dau­ern, als wür­de sich der Kör­per der Hün­din schon bereit machen für die Geburt: der Bauch ist deut­lich abge­sackt, die Flan­ken ein­ge­fal­len – und weil das hohe Gewicht der sich ver­la­gern­den Frucht das stüt­zen­de Gewe­be nach unten zieht, sind auch die Hüft­hö­cker sicht­bar gewor­den. Aber von der Unru­he und Rast­lo­sig­keit, die ich von mei­nen ande­ren Hün­din­nen ken­ne – dem ange­streng­ten Hecheln, dem auf­ge­reg­ten Schar­ren in der Wurf­kis­te – allem, was eigent­lich selbst­ver­ständ­lich für die letz­ten Tage vor der Geburt ist, war­te ich bei ihr bis­lang ver­geb­lich. Was tut man, wenn sich nichts tut? Man war­tet. Und hofft, dass sich zwei oder drei Stun­den spä­ter viel­leicht mehr getan hat.

22|05|2019 – Ellie am 67. Trächtigkeitstag
22|05|2019 – Ellie am 67. Träch­tig­keits­tag

Am Nach­mit­tag bestä­tigt es sich end­lich: die Tem­pe­ra­tur ist gesun­ken – 36,8 Grad. Ob sie noch wei­ter absinkt? Oder dür­fen wir nun tat­säch­lich damit begin­nen, die Stun­den zu zäh­len? Ellie selbst scheint auch ver­stan­den zu haben, dass sich mit ihr etwas tut, denn sie ver­lässt die obe­re Eta­ge kaum noch, ver­kriecht sich immer öfter hin­ter dem Bett oder dem Sofa, und sitzt ansons­ten lei­se hechelnd und mit abwe­sen­dem Blick im Gang. Die Nacht wird wohl lang wer­den – denn selbst wenn die Wel­pen sich noch bis mor­gen Abend Zeit las­sen soll­ten, wer­den wir kaum ein Auge zukrie­gen.

22|05|2019 – Am Nachmittag: die Temperatur ist gefallen, die Sonne kommt raus
22|05|2019 – Am Nach­mit­tag: die Tem­pe­ra­tur ist gefal­len, die Son­ne kommt raus

Am Abend bleibt schliess­lich auch der Napf zum ers­ten Mal unan­ge­rührt ste­hen – ein wenig Quark mag sie noch fres­sen, mehr nicht. Die Tem­pe­ra­tur ist seit dem Nach­mit­tag noch wei­ter gesun­ken – 36,6 Grad misst das Ther­mo­me­ter, der Tief­punkt scheint noch nicht erreicht – und wäh­rend die Wel­pen in ihrem Bauch die letz­ten Run­den dre­hen, macht sich auch bei Ellie die Unru­he bemerk­bar: ziel­los wan­dert sie im Gar­ten von einer Ecke zur ande­ren, ver­schwin­det hier unter Sträu­chern, dort im Efeu, und gräbt sich – ganz wie ihre Mut­ter – gleich meh­re­re Wurf­höh­len. Ob die so viel gemüt­li­cher sind, als die gut gepols­ter­te Wurf­kis­te? Wir wer­den unser Bes­tes tun, um die wer­den­de Mut­ter vom Gegen­teil zu über­zeu­gen!

22|05|2019 – Wurfkiste? Och nö … dann doch lieber 'ne eigene Wurfhöhle graben …
22|05|2019 – Wurf­kis­te? Och nö … dann doch lie­ber ’ne eige­ne Wurf­höh­le gra­ben …

Es folgt eine – den Umstän­den ent­spre­chen­de – ruhi­ge Nacht. Am Abend hat Ellie beschlos­sen, dass sich Zions Box am ehes­ten als Nacht­la­ger eig­net und sich dar­in breit gemacht. Selbst der ungläu­bi­ge, hil­fe­su­chen­de Blick des Rüden, der von der träch­ti­gen Hün­din zu sei­nem Men­schen und wie­der zurück wan­dert, ver­mag nichts dar­an zu ändern: Ellie bleibt, wo sie ist – da hilft auch kein Fle­hen und Bet­teln – und Zion hat das Nach­se­hen. In der Nacht hört man es aus der Box zwar immer wie­der hecheln und pol­tern, wird das hell­blaue Hun­de­kis­sen mal nach links und mal nach rechts gezerrt – mehr pas­siert aber nicht. Beim ers­ten Wurf ihrer Mut­ter hat sich die Öff­nungs­pha­se vor der Geburt fast über zwei Tage hin­ge­zo­gen – ich hat­te längst damit gerech­net, dass Ellie es ähn­lich span­nend macht.

In der Däm­me­rung dre­hen wir am frü­hen Don­ners­tag­mor­gen eine Run­de im Gar­ten – und auch jetzt habe ich wie­der aller­größ­te Mühe, Ellie davon abzu­hal­ten, sich unter den grü­nen Büschen ein eige­nes Wurf­la­ger zu bau­en. Das Früh­stück – bloß Quark, Zie­gen­milch und eine hal­be Ampul­le Cal­ci­um Fru­bia­se – wird ganz ver­schmäht, löst bei der Hün­din bloß ein ange­wi­der­tes Kräu­seln der Nase aus. Die Tem­pe­ra­tur ist über Nacht leicht ange­stie­gen, um halb sie­ben mes­sen wir 36,8 Grad. Eine Wehen­tä­tig­keit ist noch nicht zu beob­ach­ten – der Tem­pe­ra­tur und ihrem Ver­hal­ten nach zu urtei­len, lässt sich Ellie damit aber auch noch ein wenig Zeit. Es wird sicher Nach­mit­tag wer­den, bevor sich bei der Hün­din Neu­es tut.

23|05|2019 – Ein neuer Morgen, ein neuer Tag
23|05|2019 – Ein neu­er Mor­gen, ein neu­er Tag

Als ich gegen zehn Uhr mit den übri­gen Hun­den von der Mor­gen­run­de zurück­kom­me, habe ich kurz die Hoff­nung, dass sich – so wie bei Nells letz­tem Wurf – das War­ten erüb­rigt hat und Dirk und Ellie bereits den ers­ten Wel­pen zur Welt gebracht haben: auch beim nun­mehr sechs­ten Wurf bleibt für mich das War­ten bis zum Ein­set­zen der Press­we­hen am schlimms­ten, klingt die Anspan­nung wohl erst dann ab, wenn der ers­te Wel­pe gebo­ren wor­den ist. Aber: nein, nichts der­glei­chen. Dafür eine Hün­din, die alle drei Minu­ten ihr Lager wech­selt – von der Wurf­kis­te ins Körb­chen, vom Wel­pen­zim­mer ins Schlaf­zim­mer, aus der Box hin­ter das Sofa, und wie­der von vorn. Die Unru­he der träch­ti­gen Hün­din über­trägt sich auch auf die ande­ren Hun­de – die viel­leicht sogar bes­ser wis­sen, was auf sie zukommt, als Ellie selbst – und so ver­wun­dert es mich nicht, dass Ida hin­ter dem im Tür­rah­men befes­tig­ten Baby­git­ter immer wie­der neu­gie­rig ihren Hals reckt, um einen Blick in die Wurf­kis­te zu wer­fen. »Ich weiß, was da rein kommt!«, sagt sie mit einem Schwanz­we­deln. »Das weiß ich selbst«, den­ke ich, »sag mir doch lie­ber, wann!«

23|05|2019 – Ellie: noch alles ruhig, aber irgendwie nicht ganz da
23|05|2019 – Ellie: noch alles ruhig, aber irgend­wie nicht ganz da

© Johannes Willwacher