Bilderrahmen mit einer Strähne vom Fell eines verstorbenen Hundes
26|06|2020 – Erin­ne­run­gen zum Geburts­tag

Unser B-Wurf – die einzigen Nachkommen unserer Ida – feiert seinen siebten Geburtstag: ein Tag, um das Leben zu feiern – aber auch, um sich zu erinnern.

And Jane came by with a lock of your hair,
she said that you gave it to her,
that night that you plan­ned to go clear.
Famous Blue Rain­coat, Leo­nard Cohen (1971)

Glaubt man den Schät­zun­gen der Sta­tis­tik, so besitzt jeder Deut­sche im Schnitt min­des­tens 10.000 Din­ge – sol­che, die zweck­mä­ßig, aber bedeu­tungs­los sind, und sol­che, die sich selbst über­dau­ert, ihren Zweck längst ver­lo­ren, als Erin­ne­rungs­stü­cke aber ein merk­wür­di­ges Eigen­le­ben ent­wi­ckelt haben. Ein Eigen­le­ben, weil sie uns beim Betrach­ten gan­ze Räu­me eröff­nen. »Die Knöp­fe, die Räder, die klei­nen ver­ges­se­nen Schät­ze, die Fächer, in deren Federn die Lie­be ihre Oran­gen­blü­ten weh­te, Glä­ser, Mes­ser, Sche­ren – auf allem fin­det sich, am Griff, am Rand, eine Fin­ger­spur, die Spur einer ent­rück­ten, ins ver­ges­sens­te Ver­ges­sen ver­sun­ke­nen Hand (Ode an die Din­ge, Pablo Neru­da, 1959).« Wie vie­le sol­cher Gegen­stän­de fin­den sich in unse­ren Häu­sern und Woh­nun­gen? Wie vie­le wird jeder von uns in sei­nen Rega­len, Schrän­ken und Schub­la­den, auf dem Dach­bo­den oder unter dem Bett wie­der­ent­de­cken, wenn er sich auf Spu­ren­su­che begibt?

Da ist ein Cup­ca­ke aus Plas­tik – ein bil­li­ges Spiel­zeug aus Mas­sen­pro­duk­ti­on –, das genau­so zu mei­nen wert­volls­ten Besitz­tü­mern gehört, wie der genopp­te Ball mit dem auf­ge­druck­ten Hun­de­ge­sicht, oder das Eich­hörn­chen aus Plüsch, an dem sich noch die Spu­ren der letz­ten Zerr­spie­le fin­den. Da sind die Lei­ne, das Geschirr und das Hals­band, die kein Hund mehr tra­gen wird, und die noch immer flüs­ternd am Haken hän­gen. Und da ist die gerahm­te Sträh­ne aus ihrem Fell, mit einer gol­de­nen Kor­del zusam­men­ge­bun­den, als letz­ter Beweis für ein Leben, das auch mei­nes war.

Wenn ich heu­te mor­gen ein wenig län­ger vor dem Regal mit dem Cup­ca­ke ste­he, der ein hal­bes Hun­de­le­ben lang das Lieb­lings­spiel­zeug eurer Mut­ter gewe­sen ist, oder seuf­zend den genopp­ten Ball durch mei­ne Hän­de glei­ten las­se, den sie noch eine Stun­de vor ihrem Tod durch den Gar­ten getra­gen hat, dann wohl, weil auch ihr – Twix, Joey, Iska, Bud­dy, Pep­per und Beau – ein Beweis dafür seid, dass sie gelebt hat. Der bes­te, schöns­te, leben­digs­te Beweis.

Und des­halb lebt. Lasst kei­nen Tag unge­nutzt ver­strei­chen. Jagd jedem Eich­hörn­chen, jedem Tan­nen­zap­fen, jedem schö­nen Moment unnach­gie­big nach. Taucht eure Schnau­ze in jede Pfüt­ze, eure Pfo­ten in jeden Bach. Begeg­net jedem Men­schen so, als sei er euer aller­bes­ter Freund. Lebt, um leben­dig zu sein. Eure Mut­ter hät­te es ganz genau­so getan.

Vergessenes Hundespielzeug
26|06|2020 – Lieb­lings­stü­cke

© Johannes Willwacher

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