Border Collie Welpe mit Osterhase, drei Wochen alt
04|04|2021 – Broad­me­a­dows Halo

Wer eiert denn da herum? Über ungeschriebene Gesetze und unheimliche Besuche. Und unsere Welpen in der dritten Lebenswoche.

Und zum schö­nen Osterfest,
legt er sie ins Nest.
Kin­der­lied

Es ist gera­de neun durch, als wir am Abend des Grün­don­ners­tags end­lich die Tages­pflicht erfüllt und zwi­schen den Hun­den einen Platz auf dem Sofa gefun­den haben. Zion hat sich um Dirks Bei­ne gewun­den, wäh­rend Hei­di sich am äußers­ten Rand der Reca­mie­re zusam­men­ge­rollt hat. Nell sitzt auf­recht dazwi­schen, den Blick fest auf eine ange­bro­che­ne Schach­tel Short­bread gehef­tet, die auf der brei­ten Leh­ne des Leder­so­fas liegt, und hechelt vol­ler Gier. »Ihr Atem riecht anders als sonst«, drängt sich mir ein Gedan­ke auf, »nicht nur anders, son­dern auf­fal­lend schlecht«. Auf­fal­lend ist dar­an aber tat­säch­lich die Ähn­lich­keit, die zwi­schen die­sem und dem sau­ren Geruch besteht, den eigent­lich nur der Atem der jun­gen Mut­ter­hün­din ver­strömt. »Aha«, ent­fährt es mir also. Und alle ande­ren schau­en mich fra­gend an.

Border Collie Welpe mit Osterhase, drei Wochen alt
04|04|2021 – Broad­me­a­dows Histo­ry Has Its Eyes On You

Eines der unge­schrie­be­nen Geset­ze der frü­hen Wel­pen­zeit besagt, dass die Mut­ter­hün­din bestimmt, wer sich der Wurf­kis­te wann und auf wel­che Distanz nähern darf. Wäh­rend wir Zwei­bei­ner davon zwangs­läu­fig aus­ge­nom­men sind, haben sich alle übri­gen zum Haus­halt gehö­ren­den Hun­de dar­an zu hal­ten: indem jeder in Grund und Boden gestarrt wird, der sich uner­laubt durch das wei­ße Tür­git­ter schiebt, sorgt die Mut­ter­hün­din dafür in der Regel schon selbst. Unge­ach­tet des­sen hat es in der Ver­gan­gen­heit aber immer schon Aus­nah­men gege­ben – oder hat es sich eine der Hün­din­nen ganz ein­fach her­aus­ge­nom­men, nicht als Hund, son­dern viel­mehr als Mensch ange­se­hen zu wer­den, der am Ran­de der Wurf­kis­te gedul­det wer­den muss. Die Son­der­rech­te, die Ida mit aller­größ­tem Selbst­ver­ständ­nis für sich bean­sprucht hat, hät­te Nell aber kei­nem Wurf der übri­gen Hün­din­nen ein­ge­for­dert. Nell hat­te dazu schon immer ande­re Wege. Sehr heim­li­che, wie es auch dies­mal scheint. 

Als ich tags dar­auf um die Mit­tags­zeit mit Hei­di in der Wurf­kis­te sit­ze, sehe ich aus dem Augen­win­kel wie das wei­ße Tür­git­ter lang­sam auf­ge­scho­ben wird. Mit lei­sen Schrit­ten und einem ange­deu­te­ten Grin­sen auf den Lef­zen trabt Nell her­ein. Bei­na­he mei­ne ich das eigent­lich ton­lo­se »Ich geh’ jetzt Wel­pen put­zen!« als fröh­li­chen Sing­sang ver­neh­men zu kön­nen. Weder mei­ne, noch die Anwe­sen­heit von Hei­di scheint sie bis hier­hin bemerkt zu haben. Vor­sich­tig setzt sie schließ­lich die ers­te Pfo­te über den kaum zwan­zig Zen­ti­me­ter hohen Ein­lass des Wel­pen­aus­laufs. Sie will schon die zwei­te Pfo­te nach­zie­hen, als sie die bei­den Anwe­sen­den end­lich ent­deckt und ertappt zusam­men­zuckt. Genau­so still und heim­lich, wie sie sich her­ein­ge­schli­chen hat, schleicht sie dar­auf­hin wie­der hin­aus. 

Border Collie Welpe mit Osterhase, drei Wochen alt
04|04|2021 – Broad­me­a­dows Hallelujah

Am Abend schon hat sie die Heim­lich­keit aber durch ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis ersetzt und beugt sich ganz unbe­küm­mert zu den Wel­pen hin­un­ter, die nach dem Trin­ken mit ver­schmier­ten Schnau­zen hin­ter dem Git­ter auf und ab lau­fen. Um nicht zu ris­kie­ren, dass einer der Wel­pen sich in die Höhe stem­men und nach ihren Zit­zen suchen könn­te, hat sie bloß die Vor­der­läu­fe im Aus­lauf plat­ziert. Zufrie­den schleckt sie also hier eines der Milch­mäu­ler ab und lässt da die Nase prü­fend zum Hin­ter­teil eines Wel­pen wan­dern. »Alles sau­ber geputzt?«, fra­ge ich und krau­le Hei­di am Kopf, die sich trotz der Anwe­sen­heit der Alt­hün­din schnell wie­der ent­spannt hat. Nell der­weil ist viel zu beschäf­tigt, um auf mei­ne Fra­ge ein­zu­ge­hen. »Zum Ende der drit­ten Lebens­wo­che setzt man sich ger­ne ins gemach­te Nest«, sage ich. Und damit ist gedank­lich schon alles aufgeschrieben.


© Johannes Willwacher