Border Collie Junghündin mit 7 Monaten
07|10|2021 – Halo, Broad­me­a­dows Halo

Völlig gleich? Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede – und die Frage, von welchen Faktoren das Wesen eines Hundes bestimmt wird.

Es ist schon eini­ge Wochen her, dass ich auf dem Hun­de­platz dar­auf ange­spro­chen wor­den bin, wie es uns wohl gelingt, Halo und Fate – unse­re bei­den sie­ben Mona­te alten Bor­der Col­lie Hün­din­nen –aus­ein­an­der­zu­hal­ten. »Die sehen doch völ­lig gleich aus«, hat­te die Fra­ge­stel­le­rin mit einem Blick auf Halo bemerkt, die gera­de gespannt beob­ach­te­te, wie ich ein fein geschnit­te­nes Stück Fleisch­wurst aus der Jacken­ta­sche frie­mel­te. »Tat­säch­lich, völ­lig gleich?«, gab ich lachend zurück und drück­te zuerst der war­ten­den Hün­din die ersehn­te Beloh­nung in den Fang, um mich dann nach der ande­ren umzu­schau­en. »Wenn sie genau hin­auschau­en, dann soll­te ihnen auf­fal­len, dass eine von bei­den eine viel schma­le­re Bles­se hat«, ver­such­te ich also zu erklä­ren und tipp­te mir – weil das Fra­ge­zei­chen, das über dem Kopf der Fra­ge­stel­le­rin unent­schlos­sen auf und ab hüpf­te, kaum klei­ner gewor­den war – mit dem Zei­ge­fin­ger an die Stirn. »Ach so, ach ja«, nick­te mein Gegen­über. »Bei den meis­ten Wür­fen, die wir bis­lang auf­ge­zo­gen haben, hat es nach der Geburt nur ein paar Tage gebraucht, bis sich die Beson­der­hei­ten ein­ge­prägt hat­ten«, schob ich zur Erklä­rung nach, »für sei­ne Ras­se hat man dann eben doch einen schär­fe­ren Blick«. Und weil auch das wie­der nur Fut­ter für das gefrä­ßi­ge Fra­ge­zei­chen gewe­sen zu sein schien, lenk­te ich mei­nen Blick auf den Hund, der sich soeben durch die Bei­ne mei­nes Gegen­übers zwäng­te: »Wären das Gol­den Retrie­ver, wür­de ich wahr­schein­lich genau­so rat­los davorstehen«.

Border Collie Junghündin mit 7 Monaten
01|10|2021 – Fate, Broad­me­a­dows Hig­her Love

Spä­ter, auf der Heim­fahrt, berich­te­te ich Dirk von der Unter­hal­tung. »Gera­de bei den bei­den wäre ich immer davon aus­ge­gan­gen, dass die Unter­schie­de voll­kom­men offen­sicht­lich sind«, sag­te ich – und setz­te nach einer Gedan­ken­pau­se noch hin­zu, dass zwei Hun­de auch vom Wesen her wohl kaum unter­schied­li­cher sein könn­ten. »Stimmt«, gab Dirk seuf­zend zurück, »Fate hat auch dies­mal mit kei­nem ein­zi­gen ande­ren Hund gespielt, und auch beim Arbei­ten ist sie längst nicht so fokus­siert, wie ihre Schwes­ter«. Dann Schwei­gen. »Schon erstaun­lich, wie ver­schie­den sich Geschwis­ter ent­wi­ckeln, obwohl alle Vor­be­din­gun­gen gleich sind«, mein­te ich schließ­lich, als der Wagen schon auf die Ein­fahrt zusteu­er­te, »ande­rer­seits habe ich auch ziem­lich wenig mit mei­ner Schwes­ter gemein«. Dirk hob die Brau­en. »Zum Glück!«, soll­te das viel­leicht bedeuten.

Spielraum für individuelle Abweichungen

»Das Wesen des Hun­des ist die Gesamt­heit sei­ner ange­bo­re­nen und erwor­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen, sowie sei­ner augen­blick­li­chen Zustän­de, mit wel­chen er auf die Umwelt reagiert«, heißt es in Das Wesen des Hun­des (Heinz Weidt und Dina Ber­lo­witz, Augus­tus Ver­lag, 3. Edi­ti­on, 2001). Das mag zu einem Teil erklä­ren, war­um die Wesens­ent­wick­lung der Wel­pen eines Wurfs nie in völ­li­ger Über­ein­stim­mung ver­läuft, und war­um nicht nur die Gene­tik, son­dern auch die Auf­zucht und Prä­gung immer noch genü­gend Spiel­raum für indi­vi­du­el­le Abwei­chun­gen lassen.

Border Collie Junghündin mit 7 Monaten
25|09|2021 – Halo, Broad­me­a­dows Halo

Wel­ches Wesens­merk­mal wird von wel­chem Eltern­teil ver­erbt? Wel­che Aspek­te sind bei ange­bo­re­ne­nen Ver­hal­tens­wei­sen für die Stär­ke der Aus­prä­gung von Bedeu­tung? In wel­chem Ent­wick­lungs- und Gemüts­zu­stand befin­det sich der Wel­pe, wenn er erst­mals mit die­sem oder jenem Reiz, mit die­ser oder jener Auf­ga­be kon­fron­tiert wird? Und wel­che Rol­le kommt schluss­end­lich dem Men­schen zu – dem, in des­sen Gegen­wart die Wel­pen ihre ers­ten Umwelt­er­fah­run­gen machen, genau­so wie dem, der in der Fol­ge die Füh­rung bei allen Lern­pro­zes­sen über­nimmt? Halo und Fate sind der bes­te Beweis, dass auch die Über­ein­stim­mung der meis­ten Fak­to­ren nicht immer zum glei­chen Ergeb­nis führt – und das nicht nur, wenn es um die Auf­ge­schlos­sen­heit oder die Arbeits­be­reit­schaft geht. Oder bes­ser: um die erlern­ba­ren Antei­le des Wesens.

Border Collie Junghündin mit 7 Monaten
05|10|2021 – Fate, Broad­me­a­dows Hig­her Love

»Wie erfolg­reich die indi­vi­du­el­le Lern­ge­schich­te eines Hun­des ver­läuft, begrün­det sich immer auch im Erle­ben einer siche­ren Bin­dung«, sag­te ich und klapp­te das Buch zu, das auf­ge­schla­gen vor mir auf dem Küchen­tisch gele­gen hat­te. Weil Dirk kei­ne Notiz davon genom­men und wei­ter auf sein iPad geblickt hat­te, wie­der­hol­te ich den Vor­gang mit etwas mehr Nach­druck. »Das heißt also, dass sich im Wesen eines Hun­des zu gewis­sen Tei­len auch immer das Wesen sei­nes Men­schen spie­gelt«, sag­te ich über den Küchen­tisch hin­weg, »und dass ein unauf­merk­sa­mer Hund viel­leicht nur das repro­du­ziert, was er bei sei­nem Men­schen erlebt hat«. Dann Schwei­gen. »Hast du was gesagt?«, frag­te Dirk schließ­lich. Ich hob die Brau­en. »Same same, but dif­fe­rent«, soll­te das viel­leicht bedeuten.

Und die Geschwister?


© Johannes Willwacher