Border Collie Hündinnen, 10 Monate alt
10|01|2022 – Halo und Fate

Herr Willwacher hat einen an der Waffel: über heimliche Wiedergänger, unheimliche Projektionen – und eine Border Collie Hündin, mittendrin.

Als ich mit den behand­schuh­ten Hän­den nach dem Objek­tiv­de­ckel fin­ge­re, der mit jeder Bewe­gung noch ein wenig tie­fer in das Fut­ter der Jacken­ta­sche zu rut­schen scheint, ist da wie­der die­ser Gedan­ke. An Hel­ga, die Rent­ne­rin, und den Hund, in dem sie ihren ver­stor­be­nen Ehe­mann wie­der­zu­er­ken­nen meint. »Als ich ihm zum ers­ten Mal in die Augen sah, da erblick­te ich mei­nen Mann«, hat­te die­sel­be vor Jah­ren in einem Inter­view zum Bes­ten gege­ben, das als kur­ze Rand­no­tiz in einer gro­ßen Tages­zei­tung erschien, die ich damals ger­ne – zusam­men mit dem ers­ten Kaf­fee – in der Agen­tur durch­ge­blät­tert habe, »Heinz sah mich an«. Dass sich mein Unter­be­wusst­sein gera­de an die­sem Mor­gen bemü­ßigt sieht, die längst ver­ges­sen geglaub­te Mel­dung aus einer sei­ner Schub­la­den zu zie­hen, mag zufäl­lig erschei­nen, hat aber einen trif­ti­gen Grund. Denn augen­schein­lich habe auch ich einen Wie­der­gän­ger vor mir sit­zen. Und das nicht nur, wäh­rend ich den wider­spens­ti­gen Objek­tiv­de­ckel end­lich wie­der auf die Lin­se set­ze: Heinz is back!

Border Collie Hündin, 10 Monate alt
06|01|2022 – Halo, Broad­me­a­dows Halo

Das Heinz eigent­lich Halo heißt und sich hin­ter dem – noch namen­lo­sen – Wie­der­gän­ger nie­mand ande­res als unse­re viel zu früh ver­stor­be­ne Ida ver­birgt, dürf­te sich man­chem bereits erschlos­sen haben. Inso­fern Sie nicht dazu gehö­ren und den­ken, dass der Will­wa­cher nun aber wirk­lich einen an der Waf­fel hat, kann ich Sie nur beglück­wün­schen: Sie erfreu­en sich nicht nur bes­ter psy­chi­scher Gesund­heit, son­dern befin­den sich dar­über hin­aus auch in guter Gesell­schaft. Dirk winkt näm­lich auch nur noch kopf­schüt­telnd ab, wenn ich ihm wie­der ein­mal von den Beob­ach­tun­gen berich­te, mit denen sich die heim­li­che Halo – oder viel­mehr: die unheim­li­che Ida – ver­ra­ten hat.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

Behaup­ten, dass ich von mei­nen Beob­ach­tun­gen tat­säch­lich über­zeugt bin, kann ich – sei­en Sie beru­higt – selbst­ver­ständ­lich nicht. Die Ähn­lich­kei­ten, die sich im Ver­hal­ten der ver­stor­be­nen und der nach­ge­bo­re­nen Hün­din zei­gen, füh­re ich maß­geb­lich auf mei­ne eige­nen Pro­jek­tio­nen zurück: die eine zeigt Ver­hal­tens­wei­sen, die jener der ande­ren ähn­lich sind, weil ich sie – mal mehr, mal weni­ger bewusst – dar­in bestär­ke. Ver­ste­hen lässt sich das also am ehes­ten als selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung – ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess, der von dem deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Psy­cho­lo­gen Robert Rosen­thal bereits in den 1960er Jah­ren in einem Labor­ex­pe­ri­ment erforscht wor­den ist.

Border Collie Hündin, 10 Monate alt
05|01|2022 – Fate, Broad­me­a­dows Hig­her Love

Ziel des besag­ten Expe­ri­ments war es, auf­zu­zei­gen, dass die Annah­men und Vor­ur­tei­le des Ver­suchs­lei­ters aller­größ­ten Ein­fluss auf das Ver­hal­ten und die Leis­tun­gen der Pro­ban­den neh­men. Ähn­lich der Ver­suchs­an­ord­nung von B. F. Skin­ner, soll­ten in die­sem Fall sech­zig wei­ße Rat­ten ler­nen, den rich­ti­gen Weg durch ein Laby­rinth zu fin­den, um zur Fut­ter­stel­le zu gelan­gen. Die Rat­ten wur­den dazu unter zwölf Ver­suchs­lei­tern auf­ge­teilt, denen Rosen­thal erklär­te, dass bestimm­te Tie­re auf­grund ihrer gene­ti­schen Dis­po­si­ti­on beson­ders dumm, ande­re hin­ge­gen beson­ders intel­li­gent sei­en, und jedem Ver­suchs­lei­ter mit­ge­teilt, mit wel­cher Grup­pe er im Fol­gen­den arbei­ten wür­de. Dass die Rat­ten in Wahr­heit nach dem Zufalls­prin­zip zuge­teilt wur­den, ver­schwieg er wohl­weis­lich. Den­noch zeig­te sich, dass die ver­meint­lich intel­li­gen­te­ren Tie­re sehr viel bes­ser abschnit­ten, als ihre angeb­lich dum­men Art­ge­nos­sen. Die Ver­hal­tens­än­de­rung, schluß­fol­ger­te Rosen­thal, muss­te also mit der Ein­stel­lung der Ver­suchs­lei­ter zusammenhängen.

Schade ist das nur für einen

Dass Hel­gas Hund im Trep­pen­haus gera­de die Men­schen ver­bellt, die Heinz nicht moch­te, ist also auf den glei­chen Grund zurück­zu­füh­ren, wie die Lei­den­schaft, die sowohl Halo als auch Ida für das Sam­meln von Tan­nen­zap­fen hegen: Hun­de besit­zen die Fähig­keit, die aller­kleins­ten Mus­kel­be­we­gun­gen, die gering­fü­gigs­ten Ver­än­de­run­gen unse­rer Hal­tung und Stim­me, unse­rer Atem- und Bewe­gungs­mus­ter zu lesen – und ver­hal­ten sich oft­mals ent­spre­chend. Das ist schön, wenn man sich dem bewusst ist, und anstren­gend, wenn man selbst den Hund nicht lesen kann. Scha­de ist das nur für einen. Nein, nicht für mich. Für Heinz. Für wen denn sonst?

Und die Geschwister?


© Johannes Willwacher