Hundeportrait eines Border Collies in Acryl im Stilrahmen
Eines der Geburts­tags­kin­der: Spen­cer aus unse­rem D-Wurf

Ein Geburtstag: angestrengte Überlegungen zum Lebensalter von Hunden – und warum die Letztgenannten immer in den besten Jahren sind.

Die Frau gegen­über trägt die Kapu­ze ihres roten Ano­raks tief ins Gesicht gezo­gen. Zwi­schen den Fin­gern ihrer rech­ten Hand kne­tet sie ein Papier­ta­schen­tuch, das unfrei­wil­lig immer wie­der die Auf­merk­sam­keit der Hun­de auf sich zieht. Weil die besag­te Kapu­ze auch ihre Augen bei­na­he zur Hälf­te bedeckt, fällt es mir schwer, dem ange­streng­ten Blick zu fol­gen, mit dem sie einen Hund nach dem ande­ren bemisst. Bloß ihre ange­spann­ten Mund­win­kel schei­nen zu ver­ra­ten, wie es um den Fort­gang ihrer Über­le­gun­gen bestellt ist. Nach einer Wei­le räus­pert sie sich, hebt die rech­te Hand mit dem gut durch­ge­kne­te­ten Papier­ta­schen­tuch zur Nase und deu­tet mit dem­sel­ben schließ­lich der Rei­he nach auf jeden der drei Hun­de. »Fünf, sie­ben und neun«, sagt sie dabei, kann aber die Unsi­cher­heit in der Stim­me kaum ver­ber­gen. »Bei­na­he«, gebe ich zur Auf­lö­sung zurück, »die Jüngs­te fei­ert im März ihren fünf­ten Geburts­tag, der Rüde wird zehn und die Ältes­te hat im Juni bereits drei­zehn Jah­re auf dem Buckel«. Mit der frei­en Hand streift die Frau die Kapu­ze ein stück­weit zurück, so dass ich auch ihre Augen nun voll­stän­dig sehen kann. In ihrem Blick liegt Erstau­nen, das sie kurz die Brau­en heben lässt, dann legt sie die Stirn nach­denk­lich in Fal­ten. »In Men­schen­jah­ren ist die Ältes­te dann ja schon weit über neun­zig«, sagt sie, als sich ihre Züge wie­der ent­span­nen, »ein Jahr im Leben eines Hun­des ent­spricht sie­ben beim Men­schen, so heißt es doch, oder nicht?«

Ein zweijähriger Hund ist schon 42 Jahre alt

Es gibt wahr­schein­lich kaum jeman­den, der die­se weit­ver­brei­te­te Faust­re­gel nicht kennt: um das Lebens­al­ter eines Hun­des zu berech­nen – oder bes­ser: um ein­schät­zen zu kön­nen, wie weit der Alte­rungs­pro­zess des Vier­bei­ners bereits fort­ge­schrit­ten ist –, mul­ti­pli­ziert man die Lebens­jah­re mit sie­ben. Nach neu­es­ten For­schungs­er­kennt­nis­sen muss man dazu aber tat­säch­lich eine kom­pli­zier­te­re For­mel bemü­hen. Auf Grund­la­ge von DNA-Methy­lie­run­gen, die in Abhän­gig­keit zur Lebens­pha­se bestimm­te Mus­ter im Erb­gut bil­den, haben US-ame­ri­ka­ni­sche For­scher eine neue For­mel abge­lei­tet, mit der sich der Alte­rungs­pro­zess von Hun­den bes­ser nach­voll­zie­hen lässt: 16 x ln (Loga­rith­mus natu­ra­lis, hier: das gegen­wär­ti­ge Alter des Hun­des) + 31. Die­se hat zwar den Nach­teil, dass sie kaum noch ohne Taschen­rech­ner berech­net wer­den kann, lässt aber viel deut­li­cher erken­nen, dass der Alte­rungs­pro­zess beim Hund nicht kon­stant ver­läuft. Jun­ge Hun­de altern dem­nach beson­ders rasch – ein zwei­jäh­ri­ger Hund ist der For­mel nach schon 42 Jah­re alt –, wäh­rend sich der Pro­zess mit zuneh­men­dem Alter ver­lang­samt. Für unse­re Nell, die im Juni ihren drei­zehn­ten Geburts­tag fei­ert, könn­te die neue For­mel des­halb Grund zur Freu­de sein. Statt 90 Men­schen­jah­ren sind es näm­lich nur 72, die sie auf dem Buckel hat. Und unse­rem D-Wurf, der heu­te sei­nen sechs­ten Geburts­tag fei­ert, darf ich gleich­wohl zum 60. gratulieren.

Der größte Unterschied zwischen Menschen und Hunden

Von alle­dem erzäh­le ich der Kapu­zen­frau aber nichts, son­dern beschrän­ke mich dar­auf, viel­sa­gend zu grin­sen. »Der größ­te Unter­schied zwi­schen Men­schen und Hun­den bleibt am Ende doch, dass Hun­de im Gegen­satz zu uns Zwei­bei­nern immer in den bes­ten Jah­ren sind«. Das lässt auch die Kapu­zen­frau grin­sen und end­lich steckt sie das vom vie­len Nach­den­ken fast voll­stän­dig zer­fled­der­te Taschen­tuch ein. »Einen schö­nen Tag noch!«, sage ich, und wen­de mich mit den Hun­den zum Gehen um.

Den wün­sche ich auch euch: Spen­cer, Nana, Zep­po – und Boun­ty, für immer unvergessen!

© Johannes Willwacher