11 Monate alte Border Collie Hündin im Schnee bei Sonnenuntergang
28|01|2022 – Halo, Broad­me­a­dows Halo

Über Lieblingsmenschen und Lieblingshunde – und wie das Eine zum Anderen findet: zwei elf Monate alte Border Collie Hündinnen im Test.

Mit einem lau­ten Schmat­zen wird dem Schü­ler im grü­nen Pul­lun­der ein Stück Fleisch aus dem Unter­arm geris­sen. Blut spritzt, Augen rol­len und ein lau­ter Schrei gellt über die Flu­re, bevor er tau­melnd zu Boden geht. Ich knei­fe die Augen zu – das grel­le Fern­seh­bild flim­mert noch für einen Moment hin­ter mei­nen geschlos­se­nen Lidern nach –, und las­se sich Blut, Angst und Schre­cken in der Dun­kel­heit ver­lie­ren. Bloß das Schmat­zen bleibt. Ganz nah. Gleich neben mei­nem Kopf. Anders als das rohe Schmat­zen, das im Ste­reo­ton noch immer aus den Laut­spre­chern drängt, ist die­ses aber warm und woh­lig, und lässt mich – wenn ich ganz tief in mich hin­ein hor­che – an die Früh­lings­son­ne den­ken, die durch die ers­ten grü­nen Zwei­ge scheint. »Dein Hund hat ne ziem­li­che Mei­se«, reißt mich eine Stim­me vom ande­ren Ende des Sofas plötz­lich in die Rea­li­tät zurück. Mit einem Nicken ver­weist Dirk auf Halo, die sich den Mit­tel­fin­ger mei­ner lin­ken Hand fast zur Gän­ze in die Schnau­ze gescho­ben hat, und ihre Zun­ge genüss­lich schnal­zen lässt, wäh­remd sie auf dem­sel­ben her­um­schmatzt. »Eine Mei­se hät­te sie nur dann, wenn sie’s bei jedem pro­bie­ren wür­de«, erwi­de­re ich, »aber selbst dei­ne Fin­ger haben ihr dazu nicht getaugt«. Auf dem Bild­schirm erhebt sich der blut­über­ström­te Schü­ler mit einem Keu­chen und schließt sich, nach­dem er Wit­te­rung auf­ge­nom­men hat, der bedin­gungs­lo­sen Jagd nach Men­schen­fleisch an. Ich schlie­ße wie­der die Augen, höre dies­mal aber nicht allein das bewuss­te Schmat­zen, son­dern ganz lei­se auch ein Wort, das am ande­ren Ende des Sofas geflüs­tert wird: »Lieb­lings­mensch«.

Der rundköpfige Junge

Wie ent­schei­det ein Hund eigent­lich, wel­cher Mensch ihm am bes­ten schmeckt? Dass der Lieb­lings­mensch eines Hun­des nicht unbe­dingt deckungs­gleich mit dem­je­ni­gen sein muss, der sei­nen Fut­ter­napf befüllt, dürf­te dank Char­lie Brown hin­läng­lich bekannt sein. Dem ist es – trotz sei­nes ste­ten Buh­lens um die Gunst des Vier­bei­ners – schließ­lich auch nie gelun­gen, für Snoo­py mehr als nur »der rund­köp­fi­ge Jun­ge« zu sein. Viel ent­schei­den­der als die Fut­ter­res­sour­cen schei­nen am Ende also tat­säch­lich ande­re Din­ge zu sein. Nur wel­che? Neh­men wir Wit­te­rung auf!

Border Collies im Schnee
05|02|2022 – Halo und Fate

Als Dirk am Tag dar­auf mit den bei­den Jung­hun­den von der Mor­gen­run­de zurück­kommt – ich bin mit den drei erwach­se­nen Bor­der Col­lies schon eine hal­be Stun­de frü­her zurück­ge­kehrt –, schaue ich von dem Pla­kat­ent­wurf auf, der auf dem Bild­schirm vor mir gera­de im Ent­ste­hen ist, und lau­sche. Auf das erwar­te­te Geräusch – das Rau­schen, mit dem in der Wasch­kü­che ein Eimer mit Was­ser befüllt wird –, folgt ein lau­tes Pol­tern und schließ­lich ein mar­kerschüt­tern­der Schrei: »Fate!« Ich sprin­ge von mei­nem Arbeits­platz auf und eile die Trep­pen hin­un­ter, fin­de unten aber bloß Halo, die vor der Kel­ler­tür ange­bun­den ist. Dirk und Fate ent­de­cke ich erst, als ich durch den Spalt zwi­schen der Hecke und dem Gewächs­haus spä­he – Dirk halb gebückt und Fate mit einem Arbeits­hand­schuh in der Schnau­ze. Kaum, dass er die elf Mona­te alte Bor­der Col­lie Hün­din zu fas­sen bekom­men hat, lässt die den sti­bitz­ten Hand­schuh fal­len, und streckt statt­des­sen alle Vie­re von sich. »War blöd, merks­te selbst«, zischt Dirk, als die schmut­zi­gen Vor­der­pfo­ten der Wider­spens­ti­gen im wei­ßen Schaum ver­schwin­den und der Was­ser­ei­mer gefähr­lich zu schwan­ken beginnt. »Erst machen, dann den­ken«, lache ich, wäh­rend ich in der Wasch­kü­che ein fri­sches Hand­tuch von der Lei­ne zie­he, »so unähn­lich seid ihr bei­den euch da nicht!« 

Gleich und gleich

Gemein­hin heißt es, dass die Sozia­li­sie­rung, die posi­ti­ve Ver­knüp­fung und Auf­merk­sam­keit sowie die Per­sön­lich­keit eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Aus­wahl des Lieb­lings­men­schen spie­len. Wäh­rend bei zwei Jung­hun­den, die unter glei­chen Bedin­gun­gen in einem Züch­ter­haus­halt auf­wach­sen, ange­nom­men wer­den darf, dass sich die meis­ten Fak­to­ren ent­spre­chen, scheint schluss­end­lich der Per­sön­lich­keit eine aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung zuzu­kom­men: »Gleich und gleich gesellt sich gern«. Ein Hund mit einem hohen Ener­gie­le­vel fühlt sich in der Gegen­wart eines Men­schen, der ein ver­gleich­bar hohes Ener­gie­le­vel besitzt, augen­schein­lich sehr viel woh­ler. Den Umkehr­schluss, dass sehr umgäng­li­che Men­schen mit dop­pelt so hoher Wahr­schein­lich­keit einen beson­ders akti­ven und erreg­ba­ren Hund besit­zen, als weni­ger umgäng­li­che Per­so­nen, hat auch eine Stu­die der Michi­gan Sta­te Uni­ver­si­ty bestä­tigt, an der fast zwei­tau­send Hun­de­hal­ter teil­ge­nom­men haben. Aber lässt sich auf der Grund­la­ge auch erklä­ren, war­um ein und der­sel­be Hund bei zwei Men­schen ganz unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten zu besit­zen scheint?

11 Monate alte Border Collie Hündin im Schnee
21|01|2022 – Fate, Broad­me­a­dows Hig­her Love

Nach­dem Fate und Halo gewa­schen und abge­trock­net sind, sit­zen wir bei einer Tas­se Kaf­fee am Küchen­tisch. Dirk nimmt geräusch­voll einen gro­ßen Schluck, stellt die Tas­se ab und seufzt. »Dein Hund hört schlecht«, beschwert er sich und führt aus, was ihm schon bei man­chem Spa­zier­gang auf­ge­fal­len ist, »Fate ist unter­wegs viel auf­merk­sa­mer und immer dar­auf bedacht, sich rück­zu­ver­si­chern, bei Halo klappt das Abru­fen nur ganz schlecht!« Ich hebe die Brau­en und gebe zurück, dass ich das ganz gegen­tei­lig erle­be: »Halo ent­fernt sich auf unse­ren Spa­zier­gän­gen kaum wei­ter als zwan­zig Meter von mir und zumeist genügt ein Blick, um sie umkeh­ren zu las­sen, Fate hält dafür kaum Blick­kon­takt und ist fast immer hun­dert Meter vor­aus«. Eine gan­ze Wei­le geht es so wei­ter – mein Hund und dein Hund und was der des Ande­ren jeweils schlech­ter macht –, und je län­ger wir dis­ku­tie­ren, des­to absur­der wer­den die Bei­spie­le. »Viel­leicht bringt Fate in der Unter­ord­nung auch nur des­halb kei­ne Auf­ga­be ver­nünf­tig zu Ende, weil ihr Mensch es in zehn Jah­ren nicht fer­tig gebracht hat, die zer­schla­ge­nen Flie­sen in der Wasch­kü­che zu erset­zen«, sage ich. »Und viel­leicht klappt der Abruf bei Halo auch nur des­halb nicht, weil sich auch ihr Mensch ger­ne bit­ten lässt!«, erwi­dert Dirk. Das hat gesessen.

Pubertäre Zombies

Am Abend hat sich die ange­spann­te Stim­mung aber schon wie­der abge­kühlt, und statt der bei­den Zwei­bei­ner sind es bloß die puber­tä­ren Zom­bies, die sich auf dem Bild­schirm zer­flei­schen. Fate hat sich quer über Dirks Brust­korb aus­ge­streckt und die Schnau­ze zwi­schen den Kis­sen hin­ter sei­nem Kopf ver­gra­ben. Ihr Atem – ein bestän­di­ges »Frrr–frrr« – ist dabei so laut, dass er sogar die Schreie aus dem Fern­se­her über­tönt. Und mit dem Gedan­ken, dass sich Lieb­lings­mensch und Lieb­lings­hund viel­leicht sogar in ihrer Laut­stär­ke glei­chen, schla­fe ich schließ­lich ein.

Und die Geschwister?

© Johannes Willwacher