Aquarellierte Bleistiftzeichnung eines Border Collie Welpen
12|09|2026 – Unser C-Wurf fei­ert sei­nen 11. Geburtstag

Unserem C-Wurf zum elften Geburtstag: Über die Zeit, die vergeht, während eigentlich gar nichts passiert. Außer vielleicht das Leben.

Es gibt Fotos von einem Leben, das man ein­mal geführt hat und das einem heu­te merk­wür­dig fremd vor­kommt. Man erkennt die Woh­nung. Das Sofa. Den Pull­over, den man offen­bar oft getra­gen hat. Men­schen, mit denen man damals viel Zeit ver­brach­te und deren Tele­fon­num­mer man heu­te nicht mehr im Han­dy hat. Man erkennt sich selbst, was viel­leicht das Befremd­lichs­te dar­an ist.

Man erkennt aber auch, dass auf die­sen Fotos etwas fehlt. Der Hund. Nicht, weil er gera­de nicht mit aufs Bild woll­te. Son­dern weil es ihn damals – in die­sem merk­wür­di­gen Leben, das man ein­mal geführt hat – noch gar nicht gab.

Das ist schwer vor­stell­bar. Hun­de besit­zen näm­lich die erstaun­li­che Fähig­keit, sich rück­wir­kend unent­behr­lich zu machen. Sie kom­men irgend­wann durch eine Tür, zunächst noch als Ereig­nis: neu, auf­re­gend, ein biss­chen anstren­gend. Man kauft Näp­fe und Lei­nen, dis­ku­tiert über Namen und dar­über, ob ein Hund wirk­lich ins Bett gehört. Man macht sehr vie­le Fotos von sehr ähn­li­chen Situationen.

Und dann pas­siert lan­ge nichts Beson­de­res. Man geht mor­gens raus. Abends noch ein­mal. Dazwi­schen wird gefüt­tert, geschla­fen, gewar­tet, gespielt. Man fährt in den Urlaub. Man fährt zum Tier­arzt. Man flucht über Haa­re auf frisch gewa­sche­ner Klei­dung und lernt, dass man mit einem Stück Käse in der Hand erstaun­lich über­zeu­gend sein kann. Wäh­rend­des­sen ver­geht ein Leben. Men­schen kom­men dazu, ande­re ver­schwin­den. Häu­ser wer­den gekauft, Woh­nun­gen ver­las­sen, Beru­fe gewech­selt. Eltern wer­den älter. Kin­der grö­ßer. Irgend­wo steht plötz­lich ein ande­res Auto vor der Tür. Und man selbst bekommt Fal­ten an Stel­len, an denen vor­her kei­ne waren.

Der Hund war dabei.

Das klingt nach wenig. Dabei ist es wahr­schein­lich das Größ­te, was man über ein gemein­sa­mes Leben sagen kann.

Heu­te vor elf Jah­ren kam unser C-Wurf zur Welt. Elf Jah­re sind eine ziem­lich lan­ge Zeit. Lang genug jeden­falls, damit aus einem Wel­pen, auf des­sen Ankunft man wochen­lang gewar­tet hat, jemand wird, des­sen Anwe­sen­heit man kaum noch bemerkt, weil sie so selbst­ver­ständ­lich gewor­den ist wie der Küchen­tisch oder der eige­ne Herz­schlag. Nur dass Küchen­ti­sche einem sel­ten ent­ge­gen­kom­men, wenn man nach Hau­se kommt.

Viel­leicht liegt dar­in die eigent­li­che Gemein­heit der Zeit: Sie ver­geht nicht an den gro­ßen Tagen. Sie ver­geht an all den gewöhn­li­chen dazwi­schen. Wäh­rend man glaubt, man gehe nur eben noch eine Run­de um den Block, sind elf Jah­re vergangen.

Und irgend­wann fin­det man ein altes Foto. Man erkennt die Woh­nung. Das Sofa. Sich selbst. Und wun­dert sich dar­über, dass es tat­säch­lich ein­mal ein Leben gege­ben haben soll, in dem die­ser Hund noch gefehlt hat.

© Johannes Willwacher