
Unserem C-Wurf zum elften Geburtstag: Über die Zeit, die vergeht, während eigentlich gar nichts passiert. Außer vielleicht das Leben.
Life is what happens to you while
you’re busy making other plans.
John Lennon (1980)
Es gibt Fotos von einem Leben, das man einmal geführt hat und das einem heute merkwürdig fremd vorkommt. Man erkennt die Wohnung. Das Sofa. Den Pullover, den man offenbar oft getragen hat. Menschen, mit denen man damals viel Zeit verbrachte und deren Telefonnummer man heute nicht mehr im Handy hat. Man erkennt sich selbst, was vielleicht das Befremdlichste daran ist.
Man erkennt aber auch, dass auf diesen Fotos etwas fehlt. Der Hund. Nicht, weil er gerade nicht mit aufs Bild wollte. Sondern weil es ihn damals – in diesem merkwürdigen Leben, das man einmal geführt hat – noch gar nicht gab.
Das ist schwer vorstellbar. Hunde besitzen nämlich die erstaunliche Fähigkeit, sich rückwirkend unentbehrlich zu machen. Sie kommen irgendwann durch eine Tür, zunächst noch als Ereignis: neu, aufregend, ein bisschen anstrengend. Man kauft Näpfe und Leinen, diskutiert über Namen und darüber, ob ein Hund wirklich ins Bett gehört. Man macht sehr viele Fotos von sehr ähnlichen Situationen.
Und dann passiert lange nichts Besonderes. Man geht morgens raus. Abends noch einmal. Dazwischen wird gefüttert, geschlafen, gewartet, gespielt. Man fährt in den Urlaub. Man fährt zum Tierarzt. Man flucht über Haare auf frisch gewaschener Kleidung und lernt, dass man mit einem Stück Käse in der Hand erstaunlich überzeugend sein kann. Währenddessen vergeht ein Leben. Menschen kommen dazu, andere verschwinden. Häuser werden gekauft, Wohnungen verlassen, Berufe gewechselt. Eltern werden älter. Kinder größer. Irgendwo steht plötzlich ein anderes Auto vor der Tür. Und man selbst bekommt Falten an Stellen, an denen vorher keine waren.
Der Hund war dabei.
Das klingt nach wenig. Dabei ist es wahrscheinlich das Größte, was man über ein gemeinsames Leben sagen kann.
Heute vor elf Jahren kam unser C-Wurf zur Welt. Elf Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Lang genug jedenfalls, damit aus einem Welpen, auf dessen Ankunft man wochenlang gewartet hat, jemand wird, dessen Anwesenheit man kaum noch bemerkt, weil sie so selbstverständlich geworden ist wie der Küchentisch oder der eigene Herzschlag. Nur dass Küchentische einem selten entgegenkommen, wenn man nach Hause kommt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Gemeinheit der Zeit: Sie vergeht nicht an den großen Tagen. Sie vergeht an all den gewöhnlichen dazwischen. Während man glaubt, man gehe nur eben noch eine Runde um den Block, sind elf Jahre vergangen.
Und irgendwann findet man ein altes Foto. Man erkennt die Wohnung. Das Sofa. Sich selbst. Und wundert sich darüber, dass es tatsächlich einmal ein Leben gegeben haben soll, in dem dieser Hund noch gefehlt hat.



© Johannes Willwacher