Vier Wochen, die Zeit läuft rückwärts: Mit einem Welpen in jedem Arm sitze ich im Spielzimmer, um mich herum werden Bälle gerollt, wird in Socken gebissen und sich auf dem Boden gekugelt …

Haltet alle Uhren an – die Zeit geht fort,
sie will nicht rückwärts laufen …

Mit einem Wel­pen in jedem Arm sit­ze ich im Spiel­zim­mer, um mich her­um wer­den Bäl­le gerollt, wird in Socken gebis­sen und sich auf dem Boden geku­gelt, über allem rauscht das Radio. Die Pfo­te eines Wel­pen streift mei­ne Wan­ge, als die ers­ten Tak­te aus dem Laut­spre­cher klin­gen, ein ein­fa­cher Bass­lauf, sofort wie­der erkannt, und mit den bei­den Wel­pen im Arm wie­ge ich mich mit. Dass mei­ne Augen feucht wer­den, als die Stim­me anfängt zu sin­gen bleibt noch ein wenig mein Geheim­nis, vier Wochen noch, und ich atme zar­te Wel­pen­küs­se in mich hin­ein. Every breath you take, every move you make …

Nicht mit mir!

Dar­an, dass auch die zwei­te Wurm­kur, mit der wir die fünf­te Woche im Leben unse­rer Wel­pen ein­ge­läu­tet haben, dem Wel­pen­gau­men kaum geschmeckt haben dürf­te, hat Arix kei­nen Zwei­fel gelas­sen. Kaum hat­te sich der Konus der Sprit­ze zwi­schen den sich wider­wil­lig zusam­men­pres­sen­den Wel­pen­zäh­nen ent­leert, wei­te­ten sich die Augen: Den Schre­cken ein­flö­ßen? Doch nicht mit mir! Schutz­los erge­ben sit­ze ich plötz­lich im Regen – und es reg­net gewal­tig aus schwarz-wei­ßem Mund. Als ich mir schließ­lich die Augen gerie­ben, mich auf­ge­rap­pelt und abge­wischt habe, ist der spu­cken­de Hund längst sonst wo ver­schwun­den – also wrin­ge ich den Lap­pen aus und wische feucht nach.

14|12|2012 – Broadmeadows Aston Martin »Arix«

14|12|2012 – Broadmeadows Almost Rosey »Edda«

Wischen? Das muss Löschwasser sein.

Zum Glück ist das klei­ne rote Feu­er­wehr­au­to immer da, wo es brennt. Mit »Ta-tü« und »Ta-ta« rollt es blitz­schnell zur Brü­cke, biegt bald dar­auf ab, vor­bei an der Wip­pe, über­schlägt sich bei­na­he, bremst in mei­nen Schoß: Edda ist da! Das Blau­licht ver­ges­sen, bit­tet man den Bauch ange­mes­sen – so wie Bäu­che es mögen – mit der Hand zu ver­wöh­nen. Will kein Unmensch sein, denk ich, und wäh­rend ich krau­le, stellt sich einer­seits Gluck­sen und mei­ner­seits Gän­se­haut ein.

Wildgänsehaut – mmh … ein Gedicht!

Mit den Fin­ger­spit­zen der einen Hand zwirb­le ich das Fell hin­ter sei­nen Ohren, die ande­re Hand hält die Fern­be­die­nung, das Bild fla­ckert auf. Der abend­li­che Aus­flug ins Wohn­zim­mer fin­det samt und son­ders Gefal­len – den Logen­platz allein vor­be­hal­ten, gefällt es Lou fast zu gut. Die Ohren gespitzt, folgt der Blick den Geräu­schen, der klei­ne Kopf zuckt, es arbei­tet dar­in. Da gackern drei Gän­se – die hab ich gese­hen – da brummt eine Hum­mel durch knie­ho­hes Gras. Da zuckt ein Blitz, da grollt das Gewit­ter, und gleich dahin­ter, da blökt ein Schaf. In mei­nem Arm ist es warm und gemüt­lich, zufrie­de­nes Schmat­zen, und fast schläft man ein. Und hat sich ganz heim­lich auch schon ein­ge­prägt, das jenes Tier muht und das ande­re mäht.

14|12|2012 – Broadmeadows A-Punk »Lou«

14|12|2012 – Broadmeadows Avalon

Gute Abend, gute Nacht – und guten Morgen!

Wenn ich am Mor­gen auf Zehen­spit­zen zur Zim­mer­tür schlei­che, dann war­tet einer bereits sehn­süch­tig wedelnd auf mich. Auf­merk­sam wird jeder mei­ner Schrit­te ver­folgt – erst knipst er das Licht an, dann rümpft er die Nase, reißt Papier von der Rol­le und beugt sich zu mir – und wäh­rend ich noch mit sto­cken­dem Atem auf­le­se, was die Nacht mir zuhauf hin­ter­las­sen hat, hüpft er mit fröh­li­chem Schritt der Hand hin­ter­her, die sich raschelnd mal hier­hin, mal dort­hin bewegt, ist ganz bei mir und aus Knopf­au­gen strahlt es. Mehr Bor­der Col­lie geht nicht, den­ke ich bei mir, und las­se den brum­mi­gen Bären­bru­der noch ein wenig län­ger die Hand belecken, die ohne­hin kaum bes­se­res zu tun weiß: Ava­lon. Dass die­ser noch nie­man­des Herz bezau­bert hat, kann ich selbst nicht recht glau­ben, denn mei­nes wird Tag für Tag aufs neue bestürmt. Rund­her­um regt es sich nun und als einer von Fün­fen schaut mich – bleib doch – ein ein­sa­mer Wel­pe an.

Fünf Welpen?

Fünf? Als beim Abzäh­len auch sämt­li­che Fin­ger ver­sa­gen und kei­nen sechs­ten Wel­pen fin­den wol­len, begin­ne ich unru­hig zu wer­den. Die Iden­ti­tät des feh­len­den Wel­pen aus­fin­dig zu machen fällt nicht wei­ter schwer – es war ohne­hin nur noch eine Fra­ge der Zeit, bis die­sem die Flucht aus Wel­pca­traz glü­cken wür­de – allein wo die­ser sich ver­steckt hält, berei­tet mir Bauch­schmer­zen. Nach­dem die übli­chen Ver­ste­cke in Augen­schein genom­men wur­den, ohne dass die erhoff­te Fest­nah­me erfolgt wäre, höre ich ein lei­ses Krat­zen unter dem Bett. Als ich die Ver­blen­dung abneh­me – dort wohl­weis­lich ange­bracht, um jedem Wel­pen den Zugang zu erschwe­ren – bli­cken mich aus dem Halb­dun­kel zwei fun­keln­de Augen an: Inmit­ten von Fell und Flu­sen fläzt sich Arthur, der Aus­bre­cher­kö­nig. Und wäh­rend er noch wim­mert, dass doch auch der stärks­te Mann Freun­de braucht, beför­de­re ich den Flüch­ti­gen mit zwei Hand­grif­fen zurück in die Wurf­kis­te.

12|12|2012 – Broadmeadows Arthur McBride

12|12|2012 – Broadmeadows A Sorta Fairytale »Liv«

Ordnung muss sein!

Liv liebt es die Wurf­kis­te auf­zu­räu­men – hier wird das Laken ein wenig ange­ho­ben, auf­ge­schüt­telt, dort die Fal­ten glatt gezo­gen. Wer es wagt ihr ins Hand­werk zu pfu­schen, dem droht ähn­li­ches – und da die Buben dem klei­nen Glück der Haus­frau kaum aus­rei­chend Beach­tung schen­ken, wird erst mit dem einen der Boden gefegt, um dann mit dem nächs­ten behelfs­mä­ßig durch zu boh­nern. Dass die Blu­me der Haus­frau vier Pfo­ten hat und quietscht, wenn man drauf beißt, beein­druckt wenig – erst wenn es über­all wie­der blitzt und blinkt lässt man die Lum­pen ruhen, beschließt den Tag und gleich dar­auf die Augen, träumt von bunt bezopf­ten Bügel­eisen und zwei­bei­nig betrie­be­nen Staub­saugern.

© Johannes Willwacher