07|07|2013 – »Body and Soul« blin­zelt als Ers­ter

Über das Sehen, das Ungesehene, das Gefühlte und ein wenig Unerhörtes: Die erste Wurfabnahme und die zweite Woche im Leben unserer Welpen.

Wenn zwei Men­schen einen Baum betrach­ten, wer­den sie nie ein und den­sel­ben Baum dabei sehen. Der eine sieht, weil er als Kind oft ins Geäst eines sol­chen Baums geklet­tert ist, wo die Äste sich ver­zwei­gen, wo Hän­de und Füße sich um den Stamm win­den und Halt fin­den kön­nen. Dem ande­ren wird viel­leicht eher das ver­steck­te Herz auf­fal­len, dass das jün­ge­re Selbst eines ande­ren vor vie­len Jah­ren in die Rin­de geschnitzt hat, und dabei an sein eige­nes den­ken – und an Men­schen, die längst im Schat­ten des Baums ver­schwun­den sind. Was wir sehen ist nie, was wir sehen. Was wir sehen ist immer, was wir sind.

Wenn ein Wel­pe gebo­ren wird, ist er blind und taub. Zwei Wochen ver­bringt er in einer Welt, in der alles Traum und nur der Geruch von Milch und Leben wirk­lich ist. Die Hand, die ihn hält, sieht er nicht – spürt aber wohl, dass sie warm und freund­lich ist, und heim­lich pflanzt sich die Erin­ne­rung dar­an in sei­ne Träu­me ein. Erin­nert er das Gefühl, wenn er auf­wacht? Sieht er mehr als zwei Arme und Bei­ne? Sieht er uns, wie wir sind? Nicht nur als Men­schen – son­dern als Freund?

Als ich heu­te mor­gen hek­tisch durch das Haus lief – in der einen Hand einen Lap­pen, in der ande­ren eine halb­vol­le Tas­se hei­ßen Kaf­fee – um vor der ers­ten Wurf­ab­nah­me noch ein­mal schnell hier auf­zu­wi­schen, was dort ver­schüt­tet wor­den war, blieb ich wie vom Don­ner gerührt vor dem Wel­pen­zim­mer ste­hen: Allem Anschein nach war es an die­sem Mor­gen nicht nur unse­re Zucht­war­tin, die sich vom Zustand der Wel­pen über­zeu­gen woll­te.

Das Wel­pen­git­ter war nur ange­lehnt, erin­ner­te ich mich, und alle Hun­de, die alt genug dafür waren, wuss­te ich im Gar­ten – wel­cher Hund soll­te das also sein, der schwanz­we­delnd vor der Wurf­kis­te stand? Zwei Schrit­te wei­ter wuss­te ich: Es war Nell. Mit größ­ter Sorg­falt wan­der­te ihre Nase von Wel­pe zu Wel­pe und ver­weil­te nur dort, wo die müt­ter­li­che Zun­ge selbst nach­läs­sig gewe­sen war. »So aber nicht«, schien ihr Blick zu bedeu­ten – und weil ein »So aber nicht« meist nichts Gutes ver­heißt, ließ ich sie schließ­lich grin­send gewäh­ren. »Was vier Augen sehen, bleibt zwei­en ver­bor­gen« – und was alle zufrie­den macht, kann so falsch nicht sein.

© Johannes Willwacher