07|10|2015 – Ich domi­nie­re nicht, ich schmu­se nur

Du sitzt kaum zwei Minu­ten, als sich der ers­te Wel­pe in dei­nem gro­ßen Zeh ver­beißt und beginnt, die ver­wa­schen schwar­ze Socke zu durch­lö­chern. Noch lachst du dar­über und lässt ihm den Spaß – nicht bloß, weil die nadel­spit­zen Wel­pen­zäh­ne gera­de erst begon­nen haben durch­zu­bre­chen und es nur bis­wei­len gelingt, das fei­ne Garn der Socke zu durch­boh­ren, son­dern auch, weil du dich kaum satt­se­hen kannst an der – zuge­ge­ben, viel­leicht ein wenig zu ver­bis­se­nen – Lebens­freu­de. Als sich kurz dar­auf ein Zwei­ter an dei­ner Jog­ging­ho­se zu schaf­fen macht und es ein Drit­ter ver­sucht, den Ärmel dei­nes Sweat­shirts zu kür­zen, ver­geht dir schließ­lich das Lachen – nicht bloß, weil drei Päck­chen Näh­na­deln bes­ser ste­chen, als nur eines, son­dern auch, weil die­se zusätz­li­chen Näh­na­deln bereits sehr viel bes­ser ent­wi­ckelt sind, als die ers­ten. Wäh­rend du ver­geb­lich ver­suchst dei­nen lin­ken Ärmel zu ret­ten und abzu­schüt­teln, was an dei­ner Hose nagt, nähert sich rück­wärts ein Vier­ter und setzt dir – klei­ne Geschen­ke erhal­ten die Freund­schaft – eine kreis­run­de Kack­wurst aufs Knie. »Bei­ßen und schei­ßen«, denkst du und rümpfst die Nase, »sind die dunk­len Sei­ten der Selb­stän­dig­keit«.

Drei­ein­halb Wochen sind unse­re sie­ben Wel­pen nun alt, erkun­den nicht nur die Welt außer­halb der Wurf­kis­te auf eige­ne Faust, son­dern auch nach und nach sich selbst. Wäh­rend es in den ers­ten bei­den Wochen noch wei­test­ge­hend ruhig zuging, wird nun immer weni­ger geschla­fen, dafür umso mehr gespielt, gerauft und gelernt. Höchs­te Zeit also, um unse­re wil­den Sie­ben etwas genau­er zu beob­ach­ten, die ein­zel­nen Cha­rak­te­re ken­nen­zu­ler­nen und dort, wo zu wild gespielt und gerauft wird, schlich­tend ein­zu­grei­fen, damit nega­ti­ve Ver­hal­tens­wei­sen sich nicht fes­ti­gen kön­nen: die Vor­lie­ben, die ein Hund in sei­nem spä­te­ren Leben zeigt, wer­den oft­mals schon im Wel­pen­al­ter ange­legt – und wo eine nega­ti­ve Ver­hal­tens­wei­se schon im Wel­pen­al­ter mit einem Glücks­ge­fühl besetzt ist, lässt sich beim erwach­se­nen Hund nur noch schwer ent­ge­gen­wir­ken. Als Züch­ter ist man des­halb am bes­ten immer mit­ten­drin – und beschränkt sich nie nur dar­auf zuzu­schau­en. Das tut manch­mal weh und stinkt auch manch­mal – aber genau so muss es sein.

© Johannes Willwacher