Urlaub auf Sardinien: Nell, Heidi, Zion, Ida – und ich
Urlaub auf Sar­di­ni­en: Nell, Hei­di, Zion, Ida – und ich

Urlaub auf Sardinien – drei Wochen mit vier Border Collies im malerischen Nordosten der Insel. Im ersten Teil des Reiseberichts entdecken wir Berge und Meer – und als Highlight die wunderschöne Cala Luna.

Sardinien

So kommt man hin!

Mit Alg­he­ro, Caglia­ri und Olbia gibt es auf Sar­di­ni­en zwar drei Flug­hä­fen, die auch von Deutsch­land aus ange­flo­gen wer­den, wer mit Hun­den reist wird aber – so wie wir – wahr­schein­lich doch eher den Land- und Was­ser­weg wäh­len. Die wei­te Stre­cke zum Fähr­ha­fen von Livor­no haben wir auf zwei Tage auf­ge­teilt, so dass uns und den Hun­den neben der rei­nen Fahrt­zeit (zwi­schen fünf und sechs Stun­den pro Tag) genü­gend Zeit für Pau­sen und klei­ne­re Spa­zier­gän­ge bleibt. Die Über­fahrt soll­te man am bes­ten schon Wochen vor­her buchen, da Kabi­nen für Rei­sen­de mit Hund nicht auf allen Fähr­schif­fen ange­bo­ten wer­den und oft­mals schnell aus­ge­bucht sind – und da es auf der zehn­stün­di­gen Nacht­fahrt nicht gestat­tet ist, Hun­de im Auto zu las­sen, bleibt ansons­ten nur die Mög­lich­keit, mit dem Vier­bei­ner auf Deck oder in den Gän­gen zu über­nach­ten. Der Check-in an Bord läuft rei­bungs­los, das Per­so­nal ist freund­lich und die Kabi­nen auch mit meh­re­ren Hun­den groß genug für eine Nacht. Auf dem Zwi­schen­deck gibt es einen Löse­platz – ein mit Kies aus­ge­leg­tes Kar­ree von etwa drei Qua­drat­me­tern –, der aber wohl von den wenigs­ten Hun­den ger­ne genutzt wird, so dass der ers­te Halt nach dem Anle­gen in Gol­fo Aran­ci bei fast allen Hun­de­be­sit­zern den drin­gen­den Bedürf­nis­sen der Vier­bei­ner gilt.

ERSTER TEIL

Die bärtige Maria, oder:
was der eine einfach nennt, das
nennen wir hundefreundlich

05|05|2018 – Die Aus­sicht vom Feri­en­haus

Ob wir die Mie­ter der Casa Gulunie sei­en, wer­den wir gefragt, als wir nach zwei Tagen und fast zwan­zigstün­di­ger Fahrt in der Via Gra­zia Deled­da in Orosei ste­hen – zumin­dest rei­me ich mir das mit mei­nen mit­tel­mä­ßi­gen Ita­lie­nisch­kennt­nis­sen zusam­men –, ant­wor­te also mit einem beherz­ten »Si! Si!«. Der Fra­ge­stel­ler selbst ist – weil bär­tig – zwar nicht die ver­spro­che­ne Maria, die uns, wie mit dem Ver­mie­ter ver­ein­bart, vor dem Hotel Maria Rosa­rio in Emp­fang neh­men soll­te, wir fol­gen dem klei­nen Mann in dem ros­ti­gen Fiat den­noch ger­ne aus dem Ort hin­aus und – als das Ende der Stra­ße erreicht ist – in die mit Oli­ven­bäu­men und fla­cher Mac­chia bewach­se­ne Wild­nis hin­ein. Die Casa Gulunie – ein Rusti­co, das die ursprüng­li­che land­wirt­schaft­li­che Nut­zung als Schaf­stall noch erah­nen lässt – errei­chen wir kurz dar­auf und wer­den – »Par­lo solo un po ’di ita­lia­no!« – von einer wort­reich auf uns ein­re­den­den Dame mitt­le­ren Alters begrüßt, die uns das Wet­ter – »Ha pio­vu­to mol­to!« – und den Abfall­ka­len­der erklärt, sich über die Hun­de freut – »Quat­tro cani!« – und uns schluss­end­lich eine Fla­sche Wein, eine Blech Bis­cot­ti und den Schlüs­sel über­gibt. Dann sind wir allein. Für drei Wochen.

ZWEITER TEIL

Der Esel schreit, oder:
ein Caffè Grande im ersten
Sonnenlicht

05|05|2018 – Ganz entspannt: Zion genießt die Ruhe in der Hängematte
05|05|2018 – Ganz ent­spannt: Zion genießt die Ruhe in der Hän­ge­mat­te

Es ist still. Jetzt, am Mor­gen, sind es bloß die Rufe zwei­er Tau­ben, die hoch zwi­schen den Zwei­gen der alten Oli­ven­bäu­me sit­zen, die durch die Stil­le schnei­den. Dann und wann schreit ein Esel – einer von drei­en – von der mit blü­hen­den Dis­teln über­sä­ten Wei­de neben­an. Ande­re Nach­barn gibt es nicht – oder bes­ser: noch nicht. Ein Stück den Hang hin­auf – zwei­hun­dert, viel­leicht drei­hun­dert Meter – befin­det sich ein leer­ste­hen­des Feri­en­haus, das sich mit unse­rem die stei­ni­ge Zufahrt teilt und nur auf die Ankunft wei­te­rer Feri­en­gäs­te war­tet. Auf der ande­ren Sei­te – dort, wo sich hin­ter den Oli­ven­bäu­men eine von Eidech­sen bewohn­te Tro­cken­mau­er erstreckt – schlie­ßen sich Schaf­wei­den an, dem Fahr­weg gegen­über fällt die Land­schaft steil in ein grü­nes Tal ab, durch das ein Fluß über mäch­ti­ge Fels­stu­fen dem nahen Meer ent­ge­gen rauscht.

DRITTER TEIL

Aus dem Wanderführer, oder:
machst du jetzt bitte mal ein
bisschen langsamer

06|05|2018 – Bergwanderung mit unseren Border Collies im Monte Albo
06|05|2018 – Berg­wan­de­rung mit unse­ren Bor­der Col­lies im Mon­te Albo

Weil unser zwei­ter Urlaubs­tag auf einen Sonn­tag fällt und wir uns mit den vier Hun­den nur ungern zu den Scha­ren son­nen­hung­ri­ger Ita­lie­ner gesel­len möch­ten, die an den Sonn­ta­gen die – in der Vor­sai­son ansonst noch men­schen­lee­ren – Strän­de bevöl­kern, beschlie­ßen wir dem Meer den Rücken zu keh­ren und statt­des­sen die Wan­der­stie­fel zu schnü­ren. Schnell ist im Wan­der­füh­rer eine geeig­ne­te Stre­cke gefun­den, die – mit vier­ein­halb Stun­den Geh­zeit und fast sechs­hun­dert zu bewäl­ti­gen­den Höhen­me­tern – zwar als anspruchs­voll gekenn­zeich­net ist, mit den Hun­den aber noch gut mach­bar scheint. Der Mon­te Albo im Nord­os­ten Sar­di­ni­ens ist mit sei­nen 1.127 Metern zwar längst nicht so hoch wie der Höhen­zug des Gen­n­ar­gen­tu (1.834 Meter), ver­spricht von der Pun­ta Cati­ri­na – einem von zwei Gip­feln – aber einen beein­dru­cken­den Rund­blick und auf dem Weg alte Eichen­wäl­der, die uns und den Hun­den küh­len Schat­ten spen­den.

06|05|2018 – Border Collie mit Aussicht
06|05|2018 – Bor­der Col­lie mit Aus­sicht

Das Auto an der schma­len Pass­stra­ße zwi­schen Lula und Sant’Anna abge­stellt, haben wir nach einer Stun­de Geh­zeit, in der wir dem stei­len Pfad in Keh­ren immer wei­ter berg­an gefolgt sind, die Baum­gren­ze und wenig spä­ter die blü­hen­de Hoch­ebe­ne von Su Cam­pu ’e Susu erreicht. Affo­dill und Hei­li­gen­kraut wach­sen zwi­schen den wei­ßen Hügeln, hier und da Wachol­der und wind­schie­fe Stein­ei­chen. Wir ras­ten unter einer der Letz­te­ren, las­sen die Hun­de trin­ken und schließ­lich – weil außer den Stein­männ­chen, die gut sicht­bar den Weg durch die Ebe­ne lei­ten, kei­ne Men­schen­see­le zu sehen ist – alle Vier von der Lei­ne. Nach einer wei­te­ren Stun­de – wir haben die Ebe­ne über­quert und sind über Geröll und glat­te Kalk­fel­sen fast bis zum Gip­fel gelangt – ras­ten wir unter dem Weg­wei­ser zur Pun­ta Cati­ri­na erneut, bevor wir kurz zum Gip­fel­kreuz spa­zie­ren, um schließ­lich den Abstieg in Angriff zu neh­men. Der stellt sich als weit­aus beschwer­li­cher dar als der Auf­stieg, weil lose Stei­ne und Geröll mehr Tritt­si­cher­heit ver­lan­gen, so dass wir mehr als erleich­tert sind, den Tal­ein­schnitt von Nurai zu errei­chen, der uns – das Klin­geln von Schafs­glo­cken im Ohr – durch dich­te Wäl­der führt und end­lich auf einer asphal­tier­ten Stra­ße endet. Auf den ein­ge­zäun­ten Wei­den, die den Weg zurück zum Aus­gangs­punkt säu­men, gra­sen Kühe, ein paar Hun­de – die gleich wie­der ver­schwun­den sind, als sie unser Rudel erbli­cken (»Quat­tro cani!«) – stel­len sich uns bel­lend in den Weg, dann haben wir – zwar ver­schwitzt, aber trotz der Pau­sen in unter vier Stun­den – das Ende unse­rer ers­ten Wan­de­rung erreicht. Die Hun­de sprin­gen begeis­tert ins Auto – und schla­fen bei­na­he auf der Stel­le mit einem beseel­ten Grin­sen (»Mol­to bel­lo!«) ein.

07|05|2018 – Son­nen­auf­gang am Spiag­gia di Osal­la

Den Tag dar­auf ver­brin­gen wir am Strand, der genau­so leer ist, wie wir erwar­tet haben: nur zwei wei­te­ren Bade­gäs­ten begeg­nen wir am Hun­de­strand, der sich von unse­rem Feri­en­haus fuß­läu­fig hin­ter der Hafen­mo­le von Osal­la befin­det, am weit­läu­fi­gen Sand­strand links davon – an dem offi­zi­ell kei­ne Hun­de erlaubt sind – blei­ben wir ganz allein. Nell, Ida und Zion – die Augen vor Freu­de weit auf­ge­ris­se­nen – stür­zen sich gleich in die Flu­ten, wäh­rend Hei­di am Ufer zurück­bleibt und das Spiel der Wel­len, die sich laut an den grau­en Fel­sen bre­chen, kri­tisch beäugt. Weil mei­ne neue Bade­ho­se ohne­hin ein­ge­weiht wer­den will, neh­me ich unse­re Jüngs­te kur­zer­hand auf den Arm und mit ins küh­le Nass – und gebe der unsi­cher pad­deln­den Hün­din den ers­ten, wenn auch nicht ganz frei­wil­li­gen Schwimm­un­ter­richt.

VIERTER TEIL

Picasso im Regen, oder:
wer mit Hunden reist, der
macht keine Pläne

08|05|2018 – Murales in Orgosolo
08|05|2018 – Mura­les in Orgo­so­lo

Ida lahmt. Die Wan­de­rung zur Cala Luna, die wir für unse­ren fünf­ten Urlaubs­tag geplant haben – Auf­bruch kurz nach Son­nen­auf­gang, um die rund vier­stün­di­ge Tour noch vor dem Ansturm der Tou­ris­ten zu schaf­fen, die sich mit Aus­flugs­boo­ten zu der nur schwer zugäng­li­chen Bucht schif­fen las­sen – müs­sen wir ver­schie­ben. Tags zuvor scheint sich die Hün­din am Hin­ter­lauf ver­letzt zu haben, der Pfo­ten­bal­len ist ein­ge­ris­sen – zwar nur an einer win­zi­gen Stel­le, das Auf­tre­ten berei­tet ihr aber den­noch Schmer­zen: wer mit Hun­den reist, über­lässt das Pla­nen bes­ser den­sel­ben.

Die glei­che Erkennt­nis hat bereits die bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Tage geprägt. Auf­grund der gemä­ßig­ten Tem­pe­ra­tu­ren ist der Mai zwar die bes­te Rei­se­zeit, um Sar­di­ni­en mit Hun­den zu erkun­den – weil der Mai sich aber für gewöhn­lich nur ungern fest­le­gen will, ob er zum Früh­jahr oder zum Som­mer gehört, muss man aber lei­der auch immer auf plötz­li­che Wet­ter­um­schwün­ge, will hei­ßen: Regen, gefasst sein. Wäh­rend es Rei­sen­de ohne Hund bei schlech­tem Wet­ter ger­ne in die Muse­en, Kir­chen und Klös­ter zieht, steht man als Hun­de­be­sit­zer bei Regen­wet­ter vor der Fra­ge, was es statt Baden und Wan­dern zu tun gibt.

Orgo­so­lo (die Beto­nung liegt, wie mich Faus­to – die bär­ti­ge Maria – mit einem Lächeln berich­tigt, auf der zwei­ten Sil­be) heißt unser Ziel am ers­ten Tag, und ist vor allem für sei­ne Mura­les – groß­flä­chi­ge Wand­ge­mäl­de, die mehr als hun­dert Fas­sa­den in dem klei­nen Berg­dorf zie­ren – bekannt. Den Ursprung in den spä­ten sech­zi­ger Jah­ren und die Nähe zur Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei merkt man vie­len der Gemäl­de an, an denen wir vor­bei­spa­zie­ren – zwi­schen Marx und Engels, die von vie­len Häu­ser­wän­den grü­ßen, fin­det auch ein Che Gue­va­ra sei­nen Platz, wird die Staats- und Welt­po­li­tik hin­ter­fragt oder an die Par­ti­sa­nen­kämp­fe im Faschis­mus erin­nert. Sti­lis­tisch zitiert vie­les Picas­sos Guer­ni­ca – um das zu erken­nen braucht es nicht ein­mal einen Blick in den Rei­se­füh­rer, son­dern bloß ein biss­chen kul­tu­rel­les Inter­es­se. Eine, viel­leicht andert­halb Stun­den lau­fen wir im Regen durch die schma­len Gas­sen, hin­ter jeder Ecke war­tet ein neu­er Kom­men­tar zum Zeit­ge­sche­hen – und als wir den Ort ver­las­sen, spie­len Jim Mor­ri­son und die Doors im Auto­ra­dio dazu. Was, fra­ge ich mich, könn­te bes­ser pas­sen?

09|05|2018 – Gairo Vecchio, die Geisterstadt
09|05|2018 – Gai­ro Vec­chio, die Geis­ter­stadt

Der zwei­te Regen­tag – der eigent­lich kei­ner mehr ist, da es nur noch in Abschnit­ten reg­net – führt uns süd­west­lich um den Gen­n­ar­gen­tu-Natio­nal­park her­um nach Gai­ro Vec­chio. Oder viel mehr: zu dem, was von dem in luf­ti­ger Höhe gele­ge­nen Dorf übrig geblie­ben ist, denn seit­dem der Ort in den fünf­zi­ger Jah­ren infol­ge schwe­rer Unwet­ter auf­ge­ge­ben wur­de, lebt hier nie­mand mehr und sind die Häu­ser, die sich an einer hand­voll Stra­ßen den Hang hin­ab zie­hen, dem Ver­fall preis­ge­ge­ben. Zwi­schen zer­bors­te­nen Mau­ern und ein­ge­stürz­ten Dächern wach­sen Gins­ter und Mohn, die Hun­de haben eine Freu­de dar­an, den Spu­ren von Zie­gen und Hüh­nern zu fol­gen, die tal­ab­wärts durch die Stra­ßen getrie­ben wer­den – und wäre da nicht das lau­te Dröh­nen der Motor­rä­der, die zu Hun­der­ten die kur­vi­gen Pass­stra­ßen hin­auf und hin­ab jagen, könn­te man es – der Geis­ter­stadt zum Trotz – bei­na­he idyl­lisch nen­nen.

09|05|2018 – Wanderung von Santa Maria Navarese zur Pedra Longa
09|05|2018 – Wan­de­rung von San­ta Maria Nava­re­se zur Pedra Lon­ga

Wei­ter führt uns der Weg von Lanu­s­ei über Arba­tax nach San­ta Maria Nava­re­se – eigent­lich bloß, um noch einen schnel­len Blick auf das Meer zu wer­fen und den Hun­den viel­leicht ein wenig Abküh­lung zu gön­nen –, weil aber die Wol­ken ent­lang der Küs­te in der Zwi­schen­zeit auf­ge­ris­sen sind und die Wan­de­rung zur Pedra Lon­ga – einer Fels­na­del, die über hun­dert Meter aus dem Meer her­aus­ragt – mit ihren drei Stun­den Geh­zeit auch am frü­hen Nach­mit­tag noch mach­bar scheint, stel­len wir das Auto am Orts­rand ab und genie­ßen die atem­be­rau­ben­de Aus­sicht auf das in allen Blau­tö­nen schim­mern­de Meer, die sich vom gut befes­tig­ten Wan­der­weg bie­tet.

Der Rück­weg über die Ori­en­ta­le Sar­da war­tet schliess­lich mit ganz ande­ren Pan­ora­men auf – davon aber so vie­len, dass es bei­na­he hin­ter jeder Kur­ve vom Bei­fah­rer­sitz heißt: »Kön­nen wir hier mal kurz hal­ten?« Der Weit­blick über die grü­nen Hügel, die sich von Baun­ei bis zum Meer erstre­cken, die regen­schwe­ren Wol­ken über der Codu­la di Luna oder die letz­ten Son­nen­strah­len, die sich am Pass von Gen­na Sila­na im Tal der Gola di Gor­ru­pu ver­lie­ren – der Foto­ap­pa­rat klickt, klickt und klickt.

FÜNFTER TEIL

Ein bisschen Südsee, oder:
der lange Weg zum Meer

11|05|2018 – Ein Mensch, vier Border Collies und eine Höhle am Meer
11|05|2018 – Ein Mensch, vier Bor­der Col­lies und eine Höh­le am Meer

In jedem Rei­se­füh­rer, den man zur Hand nimmt, wird man Zie­le fin­den, die mit einem gro­ßen Aus­ru­fe­zei­chen und als unbe­dingt sehens­wert mar­kiert sind. Die abge­schie­de­nen Buch­ten im Golf von Orosei, die sich nur mit dem Boot oder über mehr­stün­di­ge, zum Teil recht beschwer­li­che Wan­de­run­gen errei­chen las­sen, gehö­ren ganz ohne Zwei­fel dazu. Eine davon – viel­leicht die Schöns­te im gan­zen Mit­tel­meer – soll den Abschluss unse­rer ers­ten Urlaubs­wo­che bil­den: die Cala Luna – die Bucht des Mon­des. Um uns nicht gemein­sam mit hun­der­ten ande­rer Tou­ris­ten über die zer­klüf­te­ten Hügel schie­ben zu müs­sen und die Schön­heit der sichel­för­mi­gen Bucht viel­leicht sogar noch vor der Ankunft der ers­ten Aus­flugs­boo­te genie­ßen zu kön­nen, bre­chen wir – fes­tes Schuh­werk und genü­gend Trink­was­ser für uns und die Hun­de im Gepäck – im ers­ten Son­nen­licht nach Cala Gono­ne auf, wo wir das Auto gleich hin­ter der Absperr­ket­te an der Calet­ta Fiu­li abstel­len. Außer unse­rem Fahr­zeug parkt am Ende der engen Küs­ten­stra­ße bloß ein Wohn­mo­bil, das hier – zwar uner­laubt, aber offen­kun­dig gedul­det – über Nacht abge­stellt wor­den ist: wir sind allein.

11|05|2018 – Menschenleer: die Cala Luna
11|05|2018 – Men­schen­leer: die Cala Luna

Die rund zwei­stün­di­ge Wan­de­rung zur Cala Luna beginnt mit einem fel­si­gen Anstieg, der sich steil aus der Schlucht her­aus win­det, danach geht es über zumeist gut aus­ge­tre­te­ne Pfa­de von einem Hügel zum nächs­ten – die Küs­te dahin­ter lässt sich nur erah­nen, zu dicht ist die Mac­chia, zu hoch die Erd­beer­bäu­me, die Strand­kie­fern und der Wachol­der. Nach einer guten Stun­de haben wir die Codu­la Oddo­ana erreicht, das Gelän­de fällt über Stein­stu­fen steil in die Schlucht ab – wir las­sen die vier Hun­de sich ihren eige­nen Weg nach unten suchen, wäh­rend wir uns mit bei­den Hän­den beim Abstieg behel­fen müs­sen. Nach einem wei­te­ren Anstieg öff­net sich der Blick auf die Fels­wand, von der die Cala Luna ein­ge­fasst wird, davor lässt sich ein kur­zer Steg erken­nen, an dem gera­de ein Aus­flugs­boot ange­legt hat – win­zig zeich­nen sich Men­schen vor dem grau­en, noch im Schat­ten lie­gen­den Gestein ab. Ich bin ein wenig ernüch­tert – aber was will man von einem Para­dies erwar­ten, das längst kein Geheim­tipp mehr ist?

11|05|2018 – Unsere vier Border Collies am Strand der Cala Luna
11|05|2018 – Unse­re vier Bor­der Col­lies am Strand der Cala Luna

Die aus zehn, viel­leicht zwölf Men­schen bestehen­de Rei­se­grup­pe, die vor uns am Strand ange­kom­men ist – alle­samt Aus­tra­li­er, die sich freund­lich nach unse­rer Her­kunft erkun­di­gen und mit lau­tem »Ah!« und »Oh!« den Hun­den zuwen­den –, hat schnell den Rück­weg ein­ge­schla­gen (spä­ter sol­len wir der Wan­der­grup­pe noch ein­mal begeg­nen), so dass uns die Bucht tat­säch­lich ganz allei­ne gehört. Kei­ne Wol­ke am strah­lend blau­en Him­mel, das Was­ser schim­mert grün und klar – und in den mäch­ti­gen Karst­höh­len, die die Zeit in die von Wind und Wet­ter fast glatt­ge­schlif­fe­nen Fels­wän­de gegra­ben hat, fin­det sich immer ein schat­ti­ges Plätz­chen. »Wenn das Para­dies so aus­sieht«, sage ich, »wozu dann noch wei­ter­le­ben?«. Viel­leicht, um eine Run­de zu schwim­men, mei­nen die Hun­de. Und das tun sie dann auch.

© Johannes Willwacher