12|05|2018 – Sonnenaufgang am Spiaggia di Osalla
12|05|2018 – Son­nen­auf­gang am Spiag­gia di Osal­la

Unsere zweite Urlaubswoche auf Sardinien: von der Gorrupu-Schlucht zur Cala Goloritzè – und immer wieder die Küste rauf und runter, um mit den Hunden die schönsten Strände der Insel zu erkunden

SECHSTER TEIL

Sonne und Meer, oder:
Nichtstun kann auch mal
ganz schön sein

12|05|2018 – Morgendämmerung am Strand von Orosei
12|05|2018 – Mor­gen­däm­me­rung am Strand von Orosei

Strand­ur­laub – wer an Sar­di­ni­en denkt, dem wer­den wohl zuerst die vie­len Buch­ten und Strän­de in den Sinn kom­men, die mit fei­nem Sand und kris­tall­kla­rem Was­ser zum Nichts­tun ein­la­den. Wer im Urlaub nur aus­span­nen will, wird sich des­halb viel­leicht auch ger­ne mit dem beru­hi­gen­den Meer­blick begnü­gen, ver­ges­sen, was es sonst noch zu ent­de­cken gibt – drei Qua­drat­me­ter Sand, einen Son­nen­schirm, und gut. Wir sind dafür nicht gemacht – genau­so, wie es für uns nicht in Fra­ge kommt, unse­ren Urlaub ohne die Hun­de zu ver­brin­gen. Ich sage ger­ne, dass die Hun­de zu mir gehö­ren, wie mein lin­kes und mein rech­tes Bein, weil sie mich am Lau­fen hal­ten – und weil bei­de, die Bei­ne und die Hun­de, eben ger­ne lau­fen wol­len, sieht auch unser Urlaub zumeist ent­spre­chend aus: für jeden Urlaubs­tag wer­den Tou­ren und Wan­de­run­gen geplant, Sehens­wür­dig­kei­ten abge­hakt und das Urlaubs­land, wenn schon nicht ganz, dann doch zumin­dest in wei­ten Tei­len erschlos­sen. Sar­di­ni­en macht es einem da nicht leicht, denn Sar­di­ni­en ist vor allen Din­gen eines: ziem­lich groß. Wer alles gese­hen haben will, muss daher nicht nur viel Zeit im Gepäck haben, son­dern auch ger­ne und lan­ge Auto fah­ren – die kur­vi­gen, durch stei­le Berg­land­schaf­ten füh­ren­den Stra­ßen im Inse­lin­ne­ren las­sen eine Stre­cke von fünf­zig Kilo­me­tern mit­un­ter zum mehr­stün­di­gen Aben­teu­er wer­den. Wenn man also sowie­so nicht alles gese­hen haben kann, dann …

13|05|2018 – Heidi und Zion haben Spaß am Meer
13|05|2018 – Hei­di und Zion haben Spaß am Meer

»Klar kann man ver­su­chen, die vier­hun­dert Kilo­me­ter von Nor­den nach Süden in drei Wochen run­ter zu rei­ßen«, sagt die Frau mit der gro­ßen Son­nen­bril­le, die zu einem luf­ti­gen Lei­nen­hemd nur ein Paar Bade­lat­schen trägt, »aber was hät­te man davon?«. Wir tref­fen sie und ihren Mann zufäl­lig, als wir mit den Hun­den den Rück­weg vom Strand ein­ge­schla­gen haben – zwei Stun­den hat­ten wir die Cala Car­toe, zwi­schen Orosei und Cala Gono­ne gele­gen, ganz für uns, bis an die­sem Sams­tag­mor­gen die ers­ten Ein­hei­mi­schen mit Son­nen­schir­men und Lie­ge­stüh­len am Strand ein­tra­fen. Das Paar ist schon zum vier­ten Mal auf Sar­di­ni­en und erzählt, dass die Insel von jedem Ent­schei­dun­gen ver­langt. »Alles kann man nicht haben, alles sehen auch nicht – und manch­mal ist viel­leicht auch ein Tag am Strand gera­de genug.« So bestä­tigt, genie­ßen wir die fol­gen­den Tage noch ein biss­chen mehr.

13|05|2018 – Die abgeschiedene Spiaggia di Berchida
13|05|2018 – Die abge­schie­de­ne Spiag­gia di Ber­chi­da

Die Strän­de von Orosei – ange­fan­gen bei der klei­nen Cala Osal­la, die sich kaum fünf Minu­ten von unse­rem Feri­en­haus ent­fernt hin­ter einem Berg­rü­cken befin­det, bis zu dem weit­läu­fi­gen Strand von Su Baro­ne, der sich nörd­lich anschließt, durch ein schma­les Flüss­chen und einen lich­ten Pini­en­wald von der Ufer­stra­ße getrennt – ken­nen wir bereits und haben gemein­sam mit den Hun­den schö­ne Stun­den dort ver­bracht. An den bei­den Tagen, die wir uns und den Hun­den als Aus­zeit vom Aktiv­ur­laub gön­nen, erkun­den wir des­halb die Dünen­land­schaft am Capo Comi­no – dem öst­lichs­ten Punkt Sar­di­ni­ens – und die abge­schie­de­ne Spiag­gia di Ber­chi­da, die wir vom Kap aus nach einem ein­stün­di­gen Spa­zier­gang errei­chen. »Wie es hier wohl in der Haupt­sai­son aus­sieht?«, kommt mir immer wie­der in den Sinn. Jetzt, im Mai, gehö­ren fast alle Strän­de den Hun­den. Das Meer, der Sand und die Wel­len übri­gens auch.

SIEBTER TEIL

Mehr Steine, oder:
der Teufel hat die
Wurst gemacht

14|05|2018 – Unterwegs von der Punta Sa Barva zur Gola di Gorrupu
14|05|2018 – Unter­wegs von der Pun­ta Sa Bar­va zur Gola di Gor­ru­pu

Eine Legen­de besagt, dass der Teu­fel am Ende der Gola di Gor­ru­pu auf den Besu­cher war­tet, um ihm im Tausch gegen sei­ne See­le alle Reich­tü­mer der Welt zu schen­ken. Das könn­te ein Anreiz für einen Besuch sein – oder ein wei­te­rer Grund, die Karst­schlucht, die sich bis zu vier­hun­dert Meter tief in den Supra­mon­te frisst, ohne die Hun­de zu erkun­den: wenn alle Reich­tü­mer der Welt sich in Würst­chen über­set­zen las­sen, wird unse­re Nell wohl nicht zwei­mal über­le­gen, was mit ihrer See­le anzu­fan­gen ist. Der ent­schei­den­de Grund, war­um ich die Erkun­dung der Schlucht allei­ne in Angriff genom­men habe, hat aber weni­ger damit zu tun, son­dern viel mehr mit den Hin­der­nis­sen, die der Teu­fel dem Besu­cher in den Weg geräumt hat. Aber dazu spä­ter mehr.

Fast zehn Kilo­me­ter zieht sich die schma­le Stra­ße, die kurz hin­ter Dor­ga­li von der Ori­en­ta­le Sar­da abbiegt, durch das mit Wein­ber­gen und Obst­gär­ten bestan­de­ne Tal von Oddoe­ne, bis wir mit der Pun­ta Sa Bar­va deren End­punkt errei­chen. Der bewach­te Park­platz, etwas ober­halb des Riu Flu­mi­ned­du gele­gen, ist an die­sem Mor­gen bei­na­he leer, am Ein­gang war­tet bloß eine Wan­der­grup­pe – die Aus­tra­li­er, die uns schon auf dem Weg zur Cala Luna begeg­net sind – auf ihren Tou­ren­gui­de. Der rau­schen­de Gebirgs­bach lockt die Hun­de, die schnell ange­leint sind, dann machen wir uns auf den Weg. Letz­te­rer lässt sich erstaun­lich bequem lau­fen, so dass die zwei Stun­den Geh­zeit, die bis zum Errei­chen der Schlucht bewäl­tigt wer­den wol­len, uns kaum so lang vor­kom­men – als Hin­der­nis­se stel­len sich allein eini­ge lang­sa­me­re Wan­de­rer her­aus, die uns auf dem Pfad, der im zwei­ten Abschnitt zuse­hens schma­ler wird, nicht vor­bei las­sen, und schluss­end­lich auch der Regen, der auf hal­bem Weg ein­setzt.

14|05|2018 – Gewaltige Felsen in der Gola di Gorrupu
14|05|2018 – Gewal­ti­ge Fel­sen in der Gola di Gor­ru­pu

»You can try, but it’s too dif­fi­cult for the dogs«, heißt es, als der Ein­gang zur Gola di Gor­ru­pu erreicht ist. Es reg­net noch immer, ein schar­fer Wind pfeift aus der Schlucht. Der Ein­wand der jun­gen Frau, die an einem impro­vi­sier­ten, sich im Wind wild auf­blä­hen­den Kas­sen­häus­chen sitzt, leuch­tet mir sofort ein: die gro­ßen, run­den Fels­bro­cken, die durch den Regen glatt und rut­schig sind, in der Schlucht aber immer wie­der über­wun­den wer­den wol­len, ver­sper­ren für die Vier­bei­ner den Weg. Wir beschlies­sen, dass die Wan­de­rung ohne die Hun­de fort­ge­setzt wird, und ich mich allei­ne in das Laby­rinth aus manns­ho­hen Fel­sen wage.

Wan­de­rer behaup­ten ger­ne, einem Weg die­se oder jene Erkennt­nis abge­run­gen zu haben. Man­che spre­chen von Erleuch­tung, man­che von Stär­ke, man­che vom Gefühl gren­zen­lo­ser Frei­heit. Mir drängt sich zwi­schen den Fels­wän­den, die sich steil zu bei­den Sei­ten der Schlucht erhe­ben – die mal über­hän­gen und mal den Blick auf einen wei­ßen, unend­lich fer­nen Him­mel frei­ge­ben –, bloß ein Gedan­ke auf: wie beschis­sen klein ich bin. Wäh­rend ich mich näm­lich anfangs noch recht mühe­los fort­be­we­ge, wer­den die Hin­der­nis­se immer grö­ßer: nicht nur bei­de Hän­de wol­len zum Klet­tern ein­ge­setzt wer­den, mit­un­ter ist es auch erfor­der­lich, mich bäuch­lings abzu­sei­len oder auf dem Hosen­bo­den vor­an­zu­rut­schen. Das frus­triert. Aber es beein­druckt auch. Und die Erkennt­nis – wenn es eine sol­che gibt – die eige­nen Gren­zen erkannt und aner­kannt zu haben, ist viel­leicht auch nicht die Schlech­tes­te: wer braucht schon alle Reich­tü­mer der Welt, wenn er sei­ne See­le behal­ten und zu vier Hun­den zurück­keh­ren kann, die ihn freu­dig begrü­ßen?

ACHTER TEIL

Am Ziel, oder:
dicke Luft im Paradies

16|05|2018 – Am Ziel: die Cala Goloritzè
16|05|2018 – Am Ziel: die Cala Golo­rit­zè

Sechs Gefähr­ten, die unter einem schwe­ren, schwar­zen Him­mel einem schma­len Pfad aus wei­ßen Kie­seln fol­gen. Sechs Gefähr­ten, von denen zwei auf­recht gehen, wäh­rend sich die Übri­gen geschickt auf allen Vie­ren fort­be­we­gen. Sechs Gefähr­ten, die froh und glück­lich sein könn­ten – im Grun­de sind sie das wohl auch –, wäre da nicht einer unter ihnen, der sich wünscht, jetzt ganz woan­ders zu sein: nicht unter­wegs, nicht unter die­sem Him­mel, nicht mit der Kame­ra um den Hals auf dem Weg zum Ziel der Träu­me. In sei­nen Träu­men war der Him­mel näm­lich blau.

Wer foto­gra­fiert, der neigt viel­leicht immer ein wenig dazu, sei­ne Umwelt bloß als Motiv zu begrei­fen, und jeden Ort, den er besucht, nur nach foto­gra­fi­schen Kri­te­ri­en zu klas­si­fi­zie­ren. Weil der Mitt­woch­mor­gen, den wir uns für die Wan­de­rung zur Cala Golo­rit­zè aus­ge­sucht haben, einem maß­geb­li­chen Kri­te­ri­um – will hei­ßen: dem rech­ten Licht – zuwi­der­läuft, und es auch auf dem gut ein­stün­di­gen Fuß­marsch, der von der Hoch­ebe­ne Su Gol­go durch Stein­ei­chen­wäl­der zur Küs­te führt, ein­fach nicht auf­kla­ren will, trot­te ich bloß miss­mu­tig hin­ter­her. Höh­len blöd, Fels­na­del blöd – alles blöd. Zu mei­ner Recht­fer­ti­gung muss erwähnt wer­den, dass die Cala Golo­rit­zè – oder viel­mehr: ein Foto der Bucht, das ich in einem Rei­se­ma­ga­zin gese­hen hat­te – für mich fast als ers­ter Grund gel­ten kann, über einen Sar­di­ni­en­ur­laub nach­zu­den­ken: als hät­te jemand einen Pin­sel genom­men und ver­sucht, alles, was man sich an medi­ter­ra­nem Post­kar­ten­kitsch nur vor­stel­len kann, auf eine Lein­wand zu ban­nen. Nicht bloß schön, fast zu schön. Unwirk­lich. Und wel­cher Foto­graf möch­te so ein Motiv nicht ger­ne selbst in Sze­ne set­zen? Also, das pas­sen­de Licht vor­aus­ge­setzt.

16|05|2018 – Am Traum­strand: Dirk mit unse­ren vier Bor­der Col­lies

Der Strand ist men­schen­leer, als wir die stei­le Trep­pe hin­ab­stei­gen, die über Stu­fen aus Fels und ver­wit­tern­dem Holz die letz­ten fünf­zehn Höhen­me­ter über­win­det. Die Bucht selbst ist win­zig klein, bloß eini­ge Qua­drat­me­ter Kies, die sich zwi­schen den wei­ßen Fel­sen ver­tei­len, ein­ge­rahmt von rotem Gestein. Im Süden reicht der Blick bis zu einem Fels­bo­gen, der weit ins Meer hin­ein­ragt, im Nor­den las­sen sich durch den Dunst die Städ­te im Golf von Orosei erah­nen, weiß schim­mern die Häu­ser von Cala Gono­ne im Mor­gen­licht. Über der Bucht erhebt sich eine spitz zulau­fen­de Fels­na­del – Pun­ta Car­od­di oder auch L’Aguglia genannt –, die mit ihren über hun­dert Metern Höhe schon von Wei­tem sicht­bar ist. Wäh­rend die Hun­de zurück­blei­ben – laut den Bestim­mun­gen des Natur­parks, die uns am Aus­gangs­punkt der Wan­de­rung unmiss­ver­ständ­lich mit­ge­teilt wor­den sind, herrscht am Strand abso­lu­ter Lei­nenzwang und sol­len Hun­de auch vom Baden abge­hal­ten wer­den –, stei­ge ich mit dem Weit­win­kel über eini­ge der gro­ßen, weit ins Was­ser ragen­den Fels­bro­cken und ver­su­che, mir ein bes­se­res Bild zu machen. Als ich Blen­de und Belich­tungs­zeit gewählt und ein voll besetz­tes Aus­flugs­boot sei­ne Run­de habe dre­hen las­sen – in der klei­nen Bucht gibt es für Motor­boo­te kei­ne Mög­lich­keit, um anzu­le­gen –, schaue ich nach oben: da ist es end­lich, das lan­ge ersehn­te Blau. Und nicht nur mein Gesicht hellt sich mit einem Mal auf.

Das Meer leuch­tet sma­ragd­grün und tür­kis­blau, die Wel­len spü­len sanft über den hel­len Kies. Die dicke Luft im Para­dies hat sich ver­zo­gen. Die Son­ne scheint.

NEUNTER TEIL

Das Strandhandtuch, oder:
einmal abtrocknen, bitte!

17|05|2018 – Mit Nell allei­ne am Strand

Ein kur­zer Blick über den Strand, der ver­si­chert, dass nie­mand ver­steckt in einer Sand­mul­de liegt und von den Hun­den über­rannt wer­den kann, dann kli­cken die Lei­nen und flie­gen die Pfo­ten, schnur­stracks dem Was­ser ent­ge­gen. Bis wir die Vier ein­ge­holt, Taschen und Ruck­sä­cke abge­stellt und uns bis auf die Bade­ho­sen aus­ge­zo­gen haben, schallt unge­dul­di­ges Bel­len über den Strand – »Los macht schon, macht schon, macht schon!« soll es bedeu­ten – und je län­ger das Bel­len dau­ert, des­to for­dern­der wird es. End­lich segelt die Fris­bee über die Wel­len, end­lich stür­zen sich alle vier Hun­de mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen hin­ter­her. Der eine springt mutig, weit gestreckt über die weiß schäu­men­den Kro­nen, der ande­re watet lang­sam hin­ter­her, bemisst mit den Pfo­ten erst suchend den Grund, dann unsi­cher die Tie­fe, und stößt sich schliess­lich mit einem lei­sen Seuf­zen vom san­di­gen Ufer ab. Nicht nur das Spiel wie­der­holt sich – so wie der Aus­flug zum Strand –, auch das Pad­deln und Stram­peln, das Schüt­teln und Sprit­zen oder das Rin­gen um den trief­nas­sen Flug­ge­gen­stand. Wie­der­ho­lung ist Sicher­heit, das gefällt den Hun­den. Die sich nach dem Bad – auch das wie­der­holt sich – aus­ge­las­sen von einem Strand­hand­tuch zum nächs­ten kugeln, über Taschen und Ruck­sä­cke, Schu­he, Klei­der und Wäsche hin­weg. Und damit endet die zwei­te Urlaubs­wo­che.

© Johannes Willwacher