20|05|2018 – Traumstrand, Traumhunde, Traumurlaub
20|05|2018 – Traum­strand, Traum­hun­de, Traum­ur­laub

Zwei Menschen, vier Border Collies – und die letzte Urlaubswoche auf Sardinien: Berge, Schluchten und ganz schön viele schöne Strände.

ZEHNTER TEIL

Das Gipfelkreuz, oder:
wer glaubt, ganz oben zu sein, ist
schon auf dem Weg nach unten

19|05|2018 – Grup­pen­fo­to mit Klas­sen­kas­per

Wer nach oben will, muss sich anstren­gen, alle Kraft ein­set­zen, die er hat. Er muss sich das Ziel immer und immer wie­der vor Augen füh­ren – auch wenn der Wunsch aus­zu­ru­hen manch­mal grö­ßer ist, und den Gip­fel zu errei­chen gar nicht mehr so erstre­bens­wert erscheint. Das nichts von allei­ne, nichts ohne Anstren­gung gelingt, gilt aber nicht nur für eine Berg­wan­de­rung – so wie jene, die wir zum Auf­takt unse­rer letz­ten Urlaubs­wo­che mit den Hun­den in Angriff neh­men wol­len –, es lässt sich auch auf fast alle ande­ren Lebens­be­rei­che über­tra­gen. Gera­de für den Hun­de­züch­ter sind die selbst­ge­steck­ten Zie­le – Erfolg, Aner­ken­nung oder auch nur die Umset­zung einer lan­ge geheg­ten Wurf­pla­nung – oft­mals nur durch größ­te Anstren­gun­gen und über stei­ni­ge Pfa­de zu errei­chen, muss die Rich­tung wie­der­holt geän­dert und mit­un­ter ein­ge­se­hen wer­den, dass über lan­ge Zeit der fal­sche Weg ver­folgt wor­den und eine Umkehr nicht nur unum­gäng­lich, son­dern längst über­fäl­lig ist. Aber auch wenn augen­schein­lich alles gelingt, man sich kei­ne Schwä­che gönnt und jeden Höhen­me­ter mit dem pas­sen­den Rüst­zeug über­win­det, bleibt doch die Unsi­cher­heit, blei­ben die Stei­ne im Weg: auf wel­chen kann man den Fuß sicher set­zen, auf wel­chen sich ver­las­sen – und wel­cher Stein wird sich, obwohl er fest und zuver­läs­sig scheint, unter dem eige­nen Gewicht lösen und einen ins Strau­cheln brin­gen?

19|05|2018 – Gip­fel­stür­me­rin: Bor­der Col­lie Hün­din Nell

So oder so ähn­lich sehen mei­ne Gedan­ken aus, als wir uns am frü­hen Sams­tag­mor­gen auf der zwei­stün­di­gen Fahrt in das Herz des Gen­n­ar­gen­tu-Natio­nal­parks befin­den. Der Höhen­zug, der namens­ge­bend für das aus­ge­dehn­te Schutz­ge­biet ist, das nicht nur die Ber­ge und Seen, son­dern auch die Buch­ten und Höh­len im Golf von Orosei umfasst, stellt mit sei­nen Gip­feln, von denen vier auf über 1.800 Metern lie­gen, das Dach Sar­di­ni­ens dar. Woher der Name selbst kommt, kann nur ver­mu­tet wer­den – nahe­lie­gend schei­nen im Sar­di­schen auf­grund der ört­li­chen Sil­ber­erz­vor­kom­men sowohl die Über­set­zung »Sil­ber­pass« (Gen­na Argen­tu), als auch »Pfor­te der Win­de« (Gen­na ed Entu). Letz­te­res erscheint uns mehr als pas­send, als wir mit Fon­ni die höchst­ge­le­ge­ne Sied­lung auf Sar­di­ni­en pas­sie­ren und sich die bei­den kah­len Gip­fel, die wir bei der anste­hen­den Wan­de­rung bezwin­gen wol­len, zum ers­ten Mal in unser Blick­feld schie­ben: win­dig ist es hier oben – und zwar sehr. Doch erst ein­mal las­sen wir die Ber­ge bloß Ber­ge sein und umrun­den das Gebir­ge auf dem Weg zum Aus­gangs­punkt unse­rer Wan­de­rung – dem ver­las­se­nen Refu­gio von S’Arena, das sich abge­le­gen zwi­schen Fon­ni und Desu­lo befin­det.

19|05|2018 – Panoramablick von der Bruncu Spina
19|05|2018 – Pan­ora­ma­blick von der Brun­cu Spi­na

Bis zum Arcu Arti­lai führt der Wan­der­weg über eine brei­te, unbe­fes­tig­te Forst­stra­ße, die sich sanft über die grü­nen Hügel zieht – links und rechts des Weges wei­den Kühe, weit unten las­sen sich weni­ge uralte Stein­ei­chen und Schwarz­erlen aus­ma­chen, die der inten­si­ven Abhol­zung, die der Land­schaft ihr Gesicht ver­lie­hen hat, nicht zum Opfer gefal­len sind. Am Umkehr­platz ange­kom­men teilt sich der Weg: zu unse­rer Lin­ken führt ein schma­ler Pfad den Hang hin­auf, zur Rech­ten, wo unser Rück­weg liegt, öff­net sich der Blick ins Tal. Nach einer Stun­de Geh­zeit haben wir mit der Brun­cu Spi­na den ers­ten Gip­fel erreicht – mit 1.828 Metern nur noch von der Pun­ta La Mar­mo­ra über­trof­fen, die mit ihren 1.834 Metern noch ein wenig höher ist. Nach dem schat­ten­lo­sen Auf­stieg gön­nen wir uns und den Hun­den eine ers­te Pau­se und genie­ßen den wei­ten Blick, der von der Küs­te bis tief ins Bin­nen­land reicht.

19|05|2018 – Am Arcu Gennargentu
19|05|2018 – Am Arcu Gen­n­ar­gen­tu

Die herr­li­che Aus­sicht beglei­tet uns auf dem Pan­ora­ma­weg zur Pun­ta Pau­li­nu. Der Weg ver­läuft berg­ab und mal auf die­ser, mal auf jener Sei­te des Kamms, die Hun­de lau­fen frei und haben eine Freu­de dar­an, den unbe­kann­ten Spu­ren und Gerü­chen zu fol­gen. Wir sind gut zwei Stun­den unter­wegs, als wir den Arcu Gen­n­ar­gen­tu errei­chen – eine Sen­ke, die zwi­schen den bei­den Gip­feln liegt und von der uns der Weg, nach der Bestei­gung der Pun­ta La Mar­mo­ra, zurück zum Aus­gangs­punkt der Wan­de­rung füh­ren wird. Waren die Hän­ge bis­lang noch mit fla­cher Mac­chia, mit Moo­sen, Flech­ten und wei­ßen Gebirgs­blu­men bewach­sen, wird es nun zuse­hens stei­ni­ger. Damit wird auch das Vor­an­kom­men anspruchs­vol­ler: wäh­rend die Hun­de sich recht mühe­los über die gro­ßen, scharf­kan­ti­gen Fels­plat­ten bewe­gen und ihnen die Stei­gung – bis zum Gip­fel sind noch ein­mal fast drei­hun­dert Meter Höhen­un­ter­schied zu über­win­den – wenig abzu­ver­lan­gen scheint, kom­men wir ganz schön ins Schwit­zen. Die Quel­le, die auf hal­ber Stre­cke spru­delt, kommt da zur Abküh­lung gera­de recht – und erfrischt geht es wei­ter, bis nach zwei­ein­halb Stun­den end­lich das sil­bern glän­zen­de Gip­fel­kreuz erreicht ist. Das Glücks­ge­fühl, den Auf­stieg gemeis­tert zu haben, lässt sich nicht nur von unse­ren Gesich­tern able­sen, auch die Hun­de wir­ken frei und gelöst – bei­na­he so, als wür­den sie lächeln.

19|05|2018 – Auf dem Dach Sar­di­ni­ens: Pun­ta La Mar­mo­ra

Der Rück­weg führt schliess­lich erst zurück zum Arcu Gen­n­ar­gen­tu und von dort wei­ter zum Arcu Arti­lai – gut zwei Stun­den Fuß­marsch sind noch bis zum Refu­gio von S’Arena zu bewäl­ti­gen. Wir pas­sie­ren zwei Quel­len, die sich in Kas­ka­den über die Hän­ge ergie­ßen – manch ein Hund fühlt sich hier bemü­ßigt, eine kal­te Dusche zu neh­men –, kurz dar­auf ein ver­fal­le­nes Refu­gio, von dem nur noch die Grund­mau­ern ste­hen, dann taucht auch schon der Weg­wei­ser am Umkehr­platz am Hori­zont auf. Fünf Stun­den Wan­de­rung lie­gen hin­ter uns, als wir dort mit den Hun­den letzt­lich im Gras lie­gen – über uns ein tief­blau­er Him­mel, von weit her das Läu­ten von Kuh­glo­cken, und irgend­wo tief drin­nen der Gedan­ke, das kein Ziel zu hoch gesteckt ist, wenn man es wirk­lich errei­chen will.

ELFTER TEIL

Die Liste, oder:
eine gebirgigere Version von
Mecklenburg-Vorpommern

20|05|2018 – Morgens am Strand: Zion
20|05|2018 – Mor­gens am Strand: Zion

Habe ich schon ein­mal erwähnt, wie groß Sar­di­ni­en ist? Habe ich? Egal. Wer sich noch immer kein Bild von der Grö­ße unse­rer Urlaubs­in­sel machen kann, der mag sich zum Ver­gleich vor­stel­len, man habe eine gebir­gi­ge­re Ver­si­on von Meck­len­burg-Vor­pom­mern genom­men und mit­samt der Müritz, dem Jas­mund und den Krei­de­fel­sen in die Ost­see ver­pflanzt. Damit wäre man schon sehr nahe dran – nicht nur was die Grö­ße anbe­langt, auch im Hin­blick auf die Bevöl­ke­rungs­dich­te, die sich bei bei­den auf rund 1.6 Mil­lio­nen Ein­woh­ner beläuft. Damit aber genug Sta­tis­tik – und hin zur Fra­ge, wel­che Sehens­wür­dig­kei­ten in der letz­ten Urlaubs­wo­che noch unbe­dingt abge­hakt wer­den wol­len. Die Lis­te, die ich bei der Urlaubs­pla­nung zusam­men­ge­schrie­ben hat­te – mit dem Zei­ge­fin­ger der Lin­ken auf der Land­kar­te und dem der Rech­ten mal in die­sem, mal in jenem Rei­se­füh­rer –, hat sich vor Ort als völ­lig abwe­gig her­aus­ge­stellt. Nicht nur die Grö­ße habe ich näm­lich unter­schätzt, auch die Ent­fer­nun­gen – so dass eine abend­li­che Fahrt zur West­küs­te, um in den Rui­nen von Por­to Vla­via den Son­nen­un­ter­gang über dem Pan di Zuc­che­ro – einer male­ri­schen, der Küs­te in Sicht­wei­te vor­ge­la­ger­ten Fel­sen­in­sel – zu genie­ßen, genau­so gestri­chen wer­den müs­sen, wie die Wan­de­rung durch das Val­le del­la Luna und die Boots­fahrt im La Mad­da­le­na-Archi­pel. Oder auch der Spa­zier­gang durch Caglia­ri, die Insel­haup­stadt. Der hät­te mit vier Hun­den aber wohl ohne­hin nur wenig Spaß gemacht.

Also, was tun? Was noch sehen? Und wie ent­schei­den? Viel­leicht gehen wir in der Zwi­schen­zeit ein­fach mal eben zum Strand. Ist ja auch ganz schön.

ZWÖLFTER TEIL

Fallendes Wasser, oder:
am Ende kommt immer
die Sonne raus

22|05|2018 – Ida in der Gola di Pirincanes
22|05|2018 – Ida in der Gola di Pirin­ca­nes

Es riecht, als ob jemand gera­de fri­schen Tee auf­ge­brüht hat. Pfef­fer­minz­tee, mit schwe­rem Aro­ma. Erst, als ich den Blick von den stei­len Fels­wän­den, die sich an bei­den Ufern des Riu Cala­re­su erhe­ben, zum Boden sen­ke, fällt mir das Meer krau­ti­ger Pflan­zen auf, das zwi­schen den bun­ten Stei­nen wächst – ich pflü­cke einen dün­nen Zweig ab und zer­rei­be die satt­grü­nen Blät­ter zwi­schen den Fin­gern. Pfef­fer­min­ze, ein­deu­tig. Kurz über­le­ge ich, mir die Taschen damit voll­zu­ma­chen, habe den Gedan­ken an das Abend­essen aber gleich dar­auf wie­der ver­ges­sen, weil sich ein ers­ter, klei­ner Was­ser­fall in mein Blick­feld schiebt. »Pau­se«, schreie ich Dirk, der mit den Hun­den schon wei­ter fluss­auf­wärts gewan­dert ist, über das lau­te Rau­schen des Flus­ses hin­weg zu, set­ze den schwe­ren Wan­der­ruck­sack am Ufer ab und mache mich dar­an, Sta­tiv und Kame­ra auf­zu­bau­en. Und kurz dar­auf fällt etwas ins Was­ser …

Wir hät­ten uns zwei­fels­oh­ne einen schö­ne­ren Tag für die Fluss­bett­wan­de­rung gewünscht, die uns an die­sem Diens­tag­mor­gen in die ein­sam gele­ge­ne Gola di Pirin­ca­nes führt: regen­schwe­re Wol­ken hän­gen über den grü­nen Hügeln, als wir die Schnell­stra­ße bei Lanu­s­ei ver­las­sen und die Glei­se des Tre­ni­no Ver­de kreu­zen – einer alten Bahn­stre­cke, die heu­te nur noch unre­gel­mä­ßig befah­ren wird –, auch das Was­ser des Stau­sees, den wir wenig spä­ter umrun­den, scheint kalt und grau. »Immer­hin«, sage ich, als wir den Aus­gangs­punkt im Tal errei­chen, »immer­hin brau­che ich bei dem Licht den Grau­fil­ter nicht«, und spie­le damit auf die lan­gen Belich­tungs­zei­ten an, die Foto­gra­fen schät­zen, um flie­ßen­des Was­ser weich dar­zu­stel­len. Flie­ßen­des Was­ser soll es auf der rund zwei­stün­di­gen Wan­de­rung näm­lich genug geben: von fla­chen, vom Fluss­was­ser umspül­ten Kies­bän­ken, über tie­fe Bade­gum­pen bis zu meter­ho­hen Was­ser­fäl­len. Das lässt nicht nur das Herz eines jeden Ama­teur­fo­to­gra­fen höher schla­gen, auch das eines jeden Hun­des – oder bes­ser: von jedem unse­rer Hun­de – schlägt Pur­zel­bäu­me. Für die vier Bor­der Col­lies ist die men­schen­lee­re Schlucht tat­säch­lich der aller­schöns­te Spiel­platz – viel­leicht auch, weil es sie im Gegen­satz zu den Zwei­bei­nern kei­ner­lei Über­win­dung kos­tet, immer wie­der quer durch den Fluss zu waten. Oder sich den Weg über die vom Was­ser rund­ge­schlif­fe­nen Fel­sen zu bah­nen.

22|05|2018 – Klei­ner Was­ser­fall am Riu Cala­re­su

Dirk ist gestürzt – das bemer­ke ich aber erst, als ich das Sta­tiv wie­der abge­baut habe und den ande­ren fluss­auf­wärts gefolgt bin. Sein Schien­bein ist auf­ge­schürft und blu­tet, die Hun­de umrin­gen ihn. »Den Tag, an dem du dich nicht irgend­wo stößt, stol­perst oder hän­gen­bleibst, kann ich mir rot im Kalen­der anma­len«, mei­ne ich – und wage viel­leicht auch des­halb den Auf­stieg zu den Was­ser­fäl­len allei­ne, mit denen sich der Riu ’e Fur­ro in einer Neben­schlucht in die Tie­fe stürzt. Schon am unte­ren Was­ser­fall ist das Gra­nit­ge­stein rut­schig und bie­tet kaum Gele­gen­heit, sicher einen Fuß vor den ande­ren zu set­zen. Trotz­dem gelingt es mir hoch­zu­stei­gen und mich vor­sich­tig erst zum zwei­ten, dann zum drit­ten Was­ser­fall wei­ter­zu­han­geln. Den Vier­ten – die gro­ße Fall­hö­he des Was­sers kann ich über die stei­le Wand, die vor mir liegt, nur noch erah­nen – errei­che ich nicht mehr, nicht ohne Seil und Haken. Also keh­re ich um.

Zurück im Fluss­bett waten wir wei­ter. Im knie­tie­fen Was­ser bleibt den Hun­den nun nichts ande­res übrig, als zu schwim­men – die Zwei­bei­ner krem­peln die Hosen­bei­ne noch ein wenig höher und ver­su­chen, mit den Schwim­men­den Schritt zu hal­ten. Nach einer guten Stun­de ist das Ende der Schlucht erreicht und das Tal öff­net sich – eine gute Gele­gen­heit, um am Ufer nach einem tro­cke­nen Plätz­chen zu suchen, das Pro­vi­ant aus­zu­pa­cken und die Stil­le zu genie­ßen – fin­den auch die Hun­de. Die am Ende viel schnel­ler tro­cken sind, als unse­re Klei­der und Schu­he.

Am Ende kommt übri­gens doch noch die Son­ne raus. »Das tut sie immer«, sagt Dirk.

DREIZEHNTER TEIL

Das Boot, oder:
gekentert wird später

24|05|2018 – Nell: alles im Lot auf dem Boot
24|05|2018 – Nell: alles im Lot auf dem Boot

»Rober­to geht nicht ran«, heißt es, als wir am Mitt­woch­mor­gen über­le­gen, was mit dem fol­gen­den, letz­ten Urlaubs­tag vor unse­rer Abrei­se anzu­fan­gen ist. Die Idee, ein Boot zu mie­ten und gemein­sam mit den Hun­den auch noch die übri­gen Buch­ten und Strän­de zu erkun­den, die im Golf von Orosei lie­gen – jene, die wir uns auf dem Land­weg bis­lang nicht erwan­dern konn­ten –, scheint nahe­lie­gend. Unter der Mobil­num­mer, die man uns in einem Boots­ver­leih in Cala Gono­ne mit dem Hin­weis auf die guten Deutsch­kennt­nis­se des besag­ten Rober­to in die Hand gedrückt hat, ist seit Tagen nie­mand zu errei­chen – die Fra­ge, ob wir mit unse­ren vier Bor­der Col­lies über­haupt ein Boot lei­hen kön­nen, ist also auch noch unbe­ant­wor­tet geblie­ben. »Dann fah­ren wir ein­fach hin«, meint Dirk schließ­lich, als wir am Strand unse­re Sachen zusam­men­pa­cken, »an irgend­ei­ner der zwan­zig Buden am Hafen wird das schon klap­pen«. Gesagt, getan. Klap­pen soll es schon an der Ers­ten.

24|05|2018 – Seemannsbraut: Ida
24|05|2018 – See­manns­braut: Ida

»Mor­gen früh, acht Uhr«, sagt Dirk, als er grin­send zum Auto zurück­kommt, »hun­dert Euro plus Sprit«. Wie fast über­all, wo wir in den ver­gan­ge­nen drei Wochen mit den vier Hun­den auf­ge­taucht sind, hat man auch am Boots­ver­leih erst ein­mal gro­ße Augen gemacht und nach­fra­gen müs­sen, sich dann aber doch ger­ne bereit­erklärt – viel­leicht, weil man die Din­ge auf Sar­di­ni­en ger­ne ein wenig ent­spann­ter nimmt, viel­leicht aber auch, weil man Hun­den gegen­über grund­sätz­lich ein wenig freund­li­cher ein­ge­stellt ist, als auf dem ita­lie­ni­schen Fest­land. »Um die Uhr­zeit ist im Hafen noch nichts los«, meint Dirk, »die ers­ten Aus­flugs­boo­te star­ten nicht vor neun«. Ich nicke. »Wenn wir mit den Hun­den baden wol­len, dann sol­len wir zur Cala Birio­la fah­ren«, fügt er hin­zu und beschreibt mir wort­reich eine abge­schie­de­ne Bucht mit wei­ßem Kies und glas­kla­rem Was­ser. »Die Aus­flugs­boo­te fah­ren zuerst immer die Cala Golo­rit­zè an und machen dann erst in den Buch­ten, die wei­ter nörd­lich lie­gen, Halt … so haben wir den Strand viel­leicht für ein paar Stun­den ganz für uns«.

24|05|2018 – Vor Anker in der Cala Biriola
24|05|2018 – Vor Anker in der Cala Birio­la

Die Piaz­za del Por­to ist noch leer, als wir am frü­hen Mor­gen ankom­men. Die Läden der Buden, die sich in zwei Rei­hen an der Kai­mau­er ent­lang zie­hen, sind noch geschlos­sen, dahin­ter düm­peln die fest­ge­zurr­ten Schlauch­boo­te trä­ge im Hafen­was­ser. Von Wei­tem winkt uns jemand zu – jemand, der sich als Vin­cen­zo vor­stellt, einen blau­en Put­zei­mer in der frei­en Hand hält, in dem eine Sprüh­fla­sche und ein Paar Schu­he ste­cken, und uns in den fol­gen­den zehn Minu­ten eine kur­ze Ein­wei­sung gibt, auf was zu ach­ten ist. »Don’t dri­ve more than three­hund­red meters off the coast, and if you dri­ve fast, always keep a distan­ce of at least one­hund­red meters«, erklärt er uns, wäh­rend er das Boot wen­det und in bes­se­res Fahr­was­ser bringt, »if you want to go to the beach, you have to turn off the engi­ne and padd­le … or swim«. Nach­dem er noch die­ses und jenes zur Steue­rung des Schlauch­boots dar­ge­legt hat und wir ver­ab­re­det haben, das Boot am frü­hen Nach­mit­tag zurück­zu­brin­gen, steigt er an der Hafen­mo­le aus und wünscht uns einen schö­nen Tag. Die Son­ne brennt, der Motor star­tet – und wäh­rend sich vier Hun­de neu­gie­rig über die brei­te Reling beu­gen, ver­lässt das Boot den siche­ren Hafen: hin­ein ins tie­fe Blau.

24|05|2018 – Am Arco Goloritzè
24|05|2018 – Am Arco Golo­rit­zè

Wir las­sen Cala Gono­ne hin­ter uns und steu­ern das Boot immer gera­de­aus – vor­bei an der Cala Fui­li, an der wir in unse­rer ers­ten Urlaubs­wo­che die Wan­de­rung zur Cala Luna begon­nen haben, die wir gleich dar­auf pas­sie­ren, und las­sen schliess­lich auch die Cala Sisi­ne hin­ter uns, deren brei­ter Strand so früh am Mor­gen noch men­schen­leer, ver­las­sen scheint. Dahin­ter bemer­ken wir einen fla­chen Fels­bo­gen, der sich durch das dunk­le Gestein deut­lich von der stei­len, rot schim­mern­den Fels­wand in sei­nem Rücken abhebt, und weit ins Meer hin­ein ragt: die Cala Birio­la. Der Motor stoppt und mit zwei Pad­deln wird das letz­te Stück bis zum Strand zurück­ge­legt, wo wir vor Anker gehen und die Hun­de, die längst unge­dul­dig gewor­den sind, einen nach dem ande­ren über das Heck ans Ufer hie­ven. Der strah­lend­wei­ße Kies leuch­tet glei­ßend hell und lässt das Was­ser, das tür­kis­blau schim­mert, fast durch­sich­tig wir­ken – die Hun­de machen sich gleich dar­an, die Bucht zu erkun­den und zwi­schen den Stei­nen nach Muschel­res­ten zu suchen, dann stür­zen sich alle Vier in die Flu­ten. Oder auch: alle Sechs – denn wir sprin­gen gleich hin­ter­her.

24|05|2018 – Kleines Hundeparadies in der Cala Oddoana
24|05|2018 – Klei­nes Hun­de­pa­ra­dies in der Cala Oddo­ana

Als nach einer Stun­de ein wei­te­res Schlauch­boot anlan­det, beschlie­ßen wir wei­ter­zu­fah­ren. Wir las­sen die Cala Mario­lu und die Cala Gab­bia­ni vor­bei­zie­hen, in denen schon die Son­nen­schir­me auf­ge­spannt wor­den sind, um schliess­lich in der Cala Golo­rit­zè erneut den Anker zu wer­fen und den Blick auf die bizar­ren Fel­sen zu genie­ßen, die sich über dem Arco Golo­rit­zè wie Pfeil­spit­zen in den Him­mel boh­ren. Zwan­zig, viel­leicht drei­ßig wei­te­re Schlauch­boo­te ankern hier, und neben dem Lachen und Joh­len, das vom Strand über das Was­ser schallt, ist es vor allen Din­gen der Geruch aus frem­den Pick­nick­kör­ben, der die Hun­de immer wie­der zum Schau­en und Schnüf­feln her­aus­for­dert. Zurück geht es in schnel­ler Fahrt und mit den Nasen im Wand. Die win­zi­ge, zwi­schen der Cala Luna und der Grot­te del Bue Mari­no gele­ge­ne Bucht von Oddo­ana lädt noch ein­mal zum Baden ein – dann ist nach acht Stun­den auf dem Was­ser auch schon der Nach­mit­tag ange­bro­chen und die Zeit gekom­men, das Boot zurück­zu­brin­gen. Schö­ner, erhol­sa­mer und erleb­nis­rei­cher hät­te ein letz­ter Urlaubs­tag nicht sein kön­nen. Fin­den auch die Hun­de! Und sagen: Wow!

VIERZEHNTER TEIL

Zurückkommen, oder:
eine Muschel mit zwei Flügeln

18|05|2018 – Bei Sonnenaufgang
18|05|2018 – Bei Son­nen­auf­gang

Die Taschen sind gepackt, als ich am frü­hen Nach­mit­tag auf der Ter­ras­se unse­res Feri­en­hau­ses sit­ze und ver­su­che, das Urlaubs­ta­ge­buch, dem ich mich in den ver­gan­ge­nen drei Wochen immer wie­der ger­ne gewid­met habe, mit einem klu­gen Gedan­ken zu Ende zu brin­gen. Statt des einen, gro­ßen Gedan­kens, sind es aber bloß vie­le klei­ne, dir mir ein­fal­len wol­len – Bil­der, Ein­drü­cke und Gefüh­le, die sich in drei Wochen ein­ge­prägt haben und ganz sicher auch das Bild prä­gen wer­den, das ich von Sar­di­ni­en mit nach Hau­se neh­me. Einen Ort zu fin­den, an dem man mit sei­nen Hun­den ger­ne Urlaub macht, an dem man sich will­kom­men und gewertschätzt fühlt – einen Ort, der jeden Tag mit neu­en Mög­lich­kei­ten auf­war­tet und einem die Ent­schei­dung, ob man sich für hohe Ber­ge oder einen Bade­ur­laub begeis­tert, mit einem herz­li­chen »Sei il ben­ven­uto!« abnimmt –, ist schwer. In etwa so schwer, wie am Strand eine geflü­gel­te Muschel zu fin­den. Denn meis­tens fin­det man bloß Bruch­stü­cke, immer nur Tei­le des Gan­zen. Auf Sar­di­ni­en haben wir alles gefun­den. Und noch viel mehr Grün­de, um zurück­zu­kom­men.

© Johannes Willwacher