Border Collie Junghündinnen im goldenen Herbstwald
28|10|2021 – Halo und Fate

Im deutschen November: Friedrich Nietzsche sitzt dichtend auf der Chaiselongue – und wir warten auf das Import Permit, um einen von zwei Border Collie Welpen gehen zu lassen.

An einem Novem­be­r­abend sitzt uner­war­tet Fried­rich Nietz­sche auf der Chai­se­longue, die von schwar­zem Stoff umweh­ten Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen und das Gesicht mit dem aus­ufern­den Schnauz­bart zur Hälf­te hin­ter der zur Faust zusam­men­ge­roll­ten Rech­ten ver­steckt. »Dies ist der Herbst«, stößt er in dunk­lem Bass­laut dahin­ter her­vor, »dies ist der Herbst, der … bricht dir noch das Herz!« Dann zer­fällt der Kör­per des Phi­lo­so­phen zu Staub, ist ver­schwun­den, so schnell er erschie­nen ist – und an der Ecke des Sitz­mö­bels bleibt nur Dirk übrig, der Fate an sich drückt. 

Border Collie Hündin, acht Monate alt
25|10|2021 – Fate, Broad­me­a­dows Hig­her Love

Kaum zwei Mona­te blei­ben noch, bis Fate sich auf den Weg nach Aus­tra­li­en machen wird – bis sie die Zeit in Deutsch­land abge­ses­sen hat, die von den aus­tra­li­schen Behör­den erwar­tet wird. »Nach­dem das Tier gegen Toll­wut geimpft und der Titer bestimmt wor­den ist, muss es noch min­des­tens 180 Tage im Ursprungs­land ver­blei­ben, bevor es nach Aus­tra­li­en ein­rei­sen kann«, hat­te ich irgend­wann im ver­gan­ge­nen Jahr in einem Hand­buch gele­sen, das dem Export­pro­zess gewid­met ist. 

Laborberichte und amtstierärztliche Zeugnisse

Das mag nach einem sehr lan­gen Zeit­raum klin­gen, tat­säch­lich müs­sen in dem­sel­ben aber so vie­le büro­kra­ti­sche Hür­den genom­men wer­den, dass es kaum gelin­gen wür­de, alle erfor­der­li­chen Papie­re – die Labor­be­rich­te und amts­tier­ärzt­li­chen Zeug­nis­se, die Beglau­bi­gun­gen und Beschei­ni­gun­gen – schnel­ler abge­stem­pelt in den Hän­den zu hal­ten. Zwei Mona­te vor dem frü­hes­ten Rei­se­da­tum war­ten wir des­halb noch immer auf das Import Per­mit – die offi­zi­el­le Ein­rei­se­er­laub­nis der aus­tra­li­schen Behör­den, an der sich nicht nur alle noch aus­ste­hen­den Unter­su­chun­gen, son­dern auch die Behand­lun­gen gegen inter­ne und exter­ne Para­si­ten zeit­lich ori­en­tie­ren. 

Border Collie Hündin, acht Monate alt
05|11|2021 – Halo, Broad­me­a­dows Halo

Gera­de dem Letzt­ge­nann­ten kommt dabei eine beson­de­re Bedeu­tung zu: soll­te bei einem Hund bei der Ankunft in Aus­tra­li­en bei­spiels­wei­se eine Zecke gefun­den wer­den, ver­län­gert sich die ohne­hin zwei­wö­chi­ge Qua­ran­tä­ne­pflicht auf vier Wochen. Vier Wochen, in denen der neue Besit­zer – wohl­ge­merkt – kei­nen Zugang zum Tier hat. »Wie gut, dass sie im Win­ter rei­sen wird«, habe ich also vor Mona­ten gedacht. Dazwi­schen hat das Leben aber lei­der den Herbst gesetzt. Und kaum, dass er ver­schwun­den ist, sitzt des­halb auch Nietz­sche wie­der da: »Der … bricht dir noch das Herz!«

Im deutschen November

Es ist nicht leicht, einen Wel­pen gehen zu las­sen, wenn die neun Wochen der Wel­pen­auf­zucht ver­gan­gen sind. Es ist nicht leicht, wenn er sech­zehn Wochen und damit alt genug ist, um in eines der Län­der aus­zu­rei­sen, bei denen zur Ein­rei­se eine gül­ti­ge Toll­wut­imp­fung nach­zu­wei­sen ist. Bei einem Wel­pen – nein, bei einem jun­gen Hund –, der fast zehn Mona­te zum täg­li­chen Leben gehört, mit dem man gespielt und gear­bei­tet, zu dem man eine inten­si­ve Bin­dung auf­ge­baut hat, bricht es einem aber bei­na­he das Herz, wenn es heißt: »Flie­ge fort, flie­ge fort!« 

Viel­leicht gera­de in sol­chen Momen­ten, wenn Nietz­sche dich­tend auf der Chai­se­longue sitzt. Und viel­leicht gera­de im deut­schen Novem­ber. 

Und die Geschwister?


© Johannes Willwacher