Grooming für die Hundeausstellung in Colmar
Fein­schliff: beim Groo­m­ing für die CACIB Colmar

Die CACIB Colmar: über Menschen, die kein Französisch sprechen, und Hunde, die sich nun Internationaler Champion nennen dürfen.

L’enfer, c’est les autres.
Huis Clos, Jean Peal Sart­re (1943)

»Il ne par­le pas fran­çais, hein?«, sagt der Mann, als er den Blin­ker setzt und den gel­ben Abschlepp­wa­gen auf die nächst­ge­le­ge­ne Aus­fahrt zusteu­ert. Das ver­staub­te Ther­mo­me­ter, das mit zwei Kle­be­strei­fen auf der Mit­tel­kon­so­le des Arma­tu­ren­bretts ange­bracht ist, zeigt bei­na­he vier­zig Grad, und weil die Lüf­tung des in die Jah­re gekom­me­nen Fahr­zeugs kaum aus­reicht, um den drei ver­schwitz­ten Insas­sen noch Küh­lung zu ver­schaf­fen, hat der Fah­rer alle Fens­ter her­un­ter­ge­las­sen. Wild lässt der Fahrt­wind folg­lich auch die von einem Klemm­brett zusam­men­ge­hal­te­nen Papie­re flat­tern, die bei jedem Rich­tungs­wech­sel des Fahr­zeugs über die Abla­ge rut­schen und mal von einer lee­ren Geträn­ke­do­se, mal von einem Kugel­schrei­ber über­holt wer­den. »Par­don?«, erwi­de­re ich des­halb ange­strengt und las­se mei­ne Hän­de neben den Ohren krei­sen. Dar­auf­hin wie­der­holt der Fah­rer sei­ne Fra­ge und deu­tet auf Dirk, der neben mir am Fens­ter sitzt. »Non, pas un mot«, gebe ich ent­schul­di­gend zurück, wor­auf­hin sich der Fah­rer ver­an­lasst sieht, ungläu­big den Kopf zu schüt­teln. »Com­ment peut-on pas­ser des vacan­ces en Fran­ce sans par­ler la lan­gue?«, erwi­dert er mit spöt­ti­schem Lachen, wäh­rend die A10 hin­ter uns ver­schwin­det und sich die Stra­ße, vor­bei an grau­en Indus­trie­bau­ten hin­ter manns­ho­hen Zäu­nen, auf die Garon­ne zuwin­det. Weil Dirk tat­säch­lich kein Wort ver­stan­den hat und mich mit gro­ßen Augen anschaut, über­set­ze ich: »Er meint, dass er nicht ver­ste­hen kann, war­um man Urlaub in Frank­reich macht, wenn man kein Fran­zö­sisch spricht«. Nach­dem wir die letz­te Nacht – ein­ge­klemmt auf den Vor­der­sit­zen des schwar­zen Fiat, der auf der Wei­ter­fahrt in Rauch auf­ge­gan­gen und vor kaum zehn Minu­ten auf die Lade­flä­che des Abschlep­pers ver­la­den wor­den ist – auf einem ver­las­se­nen Strand­park­platz auf der Île d’O­lé­ron ver­bracht haben, wirkt sein ohne­hin müdes Gesicht nun bei­na­he so, als sei er der Ohn­macht nahe. Ein Sams­tag­nach­mit­tag im August, 2006.

»Sag’ mal ›Cer­ti­fi­cat d’Aptitude au Cham­pio­nat Inter­na­tio­nal de Beau­té‹«, sage ich, noch bevor der Anru­fer, der am Vor­mit­tag das Tele­fon klin­geln lässt, selbst zu Wort kom­men kann. Im Hin­ter­grund höre ich das bekann­te Gewirr aus Stim­men, bel­len­den Hun­den und auf­bran­den­dem Applaus, das jede Hun­de­aus­stel­lung aus­zeich­net. In Gedan­ken habe ich dabei aber doch den gel­ben Abschlepp­wa­gen vor Augen – und den Mann im ölver­schmier­ten Over­all, aus dem ein Guns N’ Roses-T-Shirt lugt. Als der Mann am ande­ren Ende schließ­lich ant­wor­tet, klingt das aber ganz und gar nicht fran­zö­sisch. Genau genom­men ist es nicht ein­mal ein Wort: »BOB!« Und trotz­dem habe ich alles ver­stan­den. Ein Sonn­tag­mor­gen im April, 2022.

03|04|2022 – CACIB Colmar
Richter*in: Chris­ti­na Bai­ley (UK)
Sima­ro Queen of Hearts, Hei­di
Cham­pion­klas­se Hün­din­nen (1) Ex 1, CACIB, BOB
Inter­na­tio­na­ler Cham­pion FCI


© Johannes Willwacher